Fawaz Gerges beschreibt in seinem Buch „The Great Betrayal“ die Geschicke des Nahen Ostens vom Ende des Osmanischen Reiches 1919 bis heute. Dabei geht er vor allem der Frage nach, warum sich in der Region weder Demokratie noch Wohlstand etablieren konnten.
Durch den Angriff der USA auf den Iran hat das Buch des Professors für internationale Beziehungen an der London School of Economics eine Aktualität bekommen, die der Autor wohl selbst nicht vorhergesehen hat. Gerges beschreibt detailliert, wie sich im Nahen Osten immer wieder externe Mächte einmischen und damit dazu beitragen, die Bürger ihrer eigenen Handlungsmacht zu berauben. Zunächst haben die Kolonialmächte England und Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg ohne Rücksicht auf arabische Interessen die Grenzen der Staaten bestimmt; nach 1945 sind die USA als dominierende Macht an deren Stelle getreten.
Im Namen von Demokratie und Menschenrechten suchen vor allem die USA und Frankreich dort immer wieder vor allem Hegemonie und Zugang zu Rohstoffen. Ausländische Interventionen wie der Sturz des iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh durch die CIA im Jahr 1953 oder die Militärintervention gegen Ägypten von 1956, nachdem Nasser den Suezkanal verstaatlicht hatte, hätten immer nur den Interessen von Autokraten gedient und echten politischen Wandel verhindert, schreibt Gerges. Sie hätten die bevormundende Einmischung durch koloniale und postkoloniale Mächte fortgesetzt, die die Institutionen und die eigenen Fähigkeiten zum Staatsaufbau geschwächt hätten.
Der Westen arbeitet mit den arabischen Herrschern zusammen
Es macht jedoch die Stärke von Gerges‘ detaillierter und gut lesbarer Analyse aus, dass er die arabischen Herrscher nicht aus ihrer Verantwortung entlässt. Lokale Autokraten wie Abdel Fattah el-Sisi in Ägypten lassen sich, wie er zeigt, vom Westen – und in jüngerer Zeit auch von Russland und China – unterstützen, um Repression und schlechte Regierungsführung abzusichern.
Zusätzlich stützen Dauerkonflikte wie der zwischen Israel und den Palästinensern, zwischen Marokko und Algerien um die Westsahara oder der Bürgerkrieg in Libyen zwischen rivalisierenden Regierungen und Milizen die Stellung der Machthaber und binden Ressourcen, die für den Staatsaufbau fehlen. Für Gerges sind dies die drei wesentlichen Faktoren, die dazu geführt haben, dass selbst die Arabellionen ab 2011 keinen politischen Wandel herbeiführen konnten.
Politisch fest im Sattel sitzend, sind die autoritären arabischen Staaten heute allerdings ökonomisch (außer am Golf) von Stagnation und Niedergang geprägt. Dass Gerges dabei sowohl auf interne Faktoren als auch auf externe blickt, macht seine Analyse so bestechend. Er beschreibt, wie sich das komplexe Zusammenspiel von europäischen Mächten und den USA mit den Machthabern in der Region entwickelt hat, bis zur heute engen Zusammenarbeit der Trump-Regierung mit den autoritären Herrschern am Golf.
Demokratie als Synonym für Kolonialismus und Verwestlichung
Interessant ist auch, wie der Autor den Zusammenhang zwischen dem zynischen Spiel Englands und Frankreichs in der kolonialen Vergangenheit um Macht und Einfluss im Namen einer Zivilisierungsmission und der Bildung anti-kolonialer Bewegungen beschreibt, die ihrerseits autoritär waren. Liberale Demokratie war im Nahen Osten durch Briten und Franzosen diskreditiert; der Begriff wurde zu einem Synonym für „Kolonialismus und Verwestlichung“ – die nationalen Bewegungen definierten sich über den in Ägypten im 20. Jahrhundert entstandenen politischen Islam oder den autoritären Panarabismus von Gamal abdel Nasser.
Im Schlusskapitel entlässt Gerges die Leser nicht ganz ohne Hoffnung. Junge Araberinnen und Araber verlangten heute zunehmend danach, als Bürger mitzubestimmen, anstatt die Interessen ihrer jeweiligen Konfession oder Ethnie zu vertreten, schreibt er und empfiehlt anstelle des großen Umbruchs kleine Schritte, vor allem Prozesse der Dezentralisierung. Sie könnten Demokratie von unten wachsen lassen und zudem die Teilhabe von Minderheiten wie den Kurden verbessern, ohne die bestehenden Staatsgrenzen zu gefährden. Das Buch ist unbedingt empfehlenswert für alle, die den Nahen Osten besser verstehen wollen.
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