Fairer Handel im Aufwind

Verbraucher in Deutschland greifen zunehmend zu fair gehandelten Produkten. Der Absatz stieg laut dem Forum Fairer Handel im vergangenen Jahr um 36 Prozent auf 650 Millionen Euro. Den größten Anteil machten mit 76 Prozent Lebensmittel aus – die Hälfte davon aus kontrolliert biologischem Anbau. Kaffee ist mit Abstand noch immer am beliebtesten.

Dass Fair-Trade-Produkte wachsenden Zuspruch finden, ist auch dem Interesse großer Lebensmittel- und Drogerieketten zu verdanken. Sie sehen in dem Etikett ein Qualitätsmerkmal für eigene Marken. Mehr als 50 Unternehmen sind 2012 in das Geschäft mit fairen Waren eingestiegen, darunter Edeka, Real und Aldi Nord sowie die Drogeriekette dm. 

Dank des Einstiegs verschiedener Handelsketten gingen dreimal so viel fair gehandelte Blumen – vor allem Rosen – über den Ladentisch als noch 2011 sowie deutlich mehr Südfrüchte. Und auch die Gastronomie erweist sich als Wachstumsmotor: Knapp ein Drittel des fair gehandelten Kaffees wird in Hotels oder Gaststätten ausgeschenkt. Zur Massenware werden fair gehandelte Produkte deswegen noch nicht – auch wenn laut Studien immer mehr Konsumenten die Herstellungsbedingungen ihrer Einkäufe hinterfragen.

Faire Waren hätten noch immer einen „verschwindend geringen“ Anteil am Gesamthandel, räumt Antje Edler ein, die Geschäftsführerin des Forums. Dennoch drängt sich die Frage auf: Wenn immer größere Mengen nachgefragt werden, sind dann die Standards auf Dauer zu halten? Immerhin sollen die Lieferbeziehungen zu den Produzenten langfristig und transparent, die Preise gerecht sein.

Die Gefahr, dass das Qualitätssiegel verwässert wird, sieht Edler aber nicht, zumindest vorläufig. „Fair Trade verfügt nach wie vor über ein sehr glaubwürdiges Kontrollsystem“, sagte sie. Nichtsdestotrotz scheint es gewisse Bedenken zu geben: Nach dem Eintritt großer Produzenten und Händler müsse beobachtet werden, ob Standards sinken. Denn in größeren Plantagen seien diese schon einmal umstritten. „Ein Verdrängungswettbewerb ist bislang nicht nachweisbar“, erklärte Edler. Aber man müsse wachsam bleiben.

Die Bundesregierung setzt auf freiwillige Regeln für Unternehmen

Weniger Sorgen macht sich die Fair-Trade-Geschäftsführerin um eine aggressive Preispolitik der Großeinkäufer von Discountern. Ein Mindestpreis und die faire Behandlung der Produzenten seien garantiert, versichert sie. Supermarktketten könnten zwar bei den eher teuren Waren vergleichsweise günstige Preise anbieten. Das liege aber daran, dass sie große Mengen einkaufen und damit andere Kostenvorteile zum Tragen kommen.

Um Verstöße gegen Menschenrechte in internationalen Lieferketten aufzudecken und zu verhindern, appelliert das Forum Fairer Handel an die Bundesregierung, erweiterte Transparenzpflichten für Unternehmen einzuführen. Jeder Konzern müsse offenlegen, „wie er bei sich und bei seinen Zulieferern dafür Sorge trägt, dass die Menschenrechte eingehalten werden“, forderte Edler. Auch sollte jedes Unternehmen haftbar gemacht werden können, wenn es Verletzungen billigend in Kauf nimmt.

Nach einer Aufforderung der EU-Kommission an die Bundesregierung, einen solchen Aktionsplan zu erstellen, ist bei den Koalitionsparteien in Berlin allerdings kaum Bewegung zu beobachten. Im Gegenteil: Es wird wie so oft auf freiwillige Regeln gesetzt. Niemand, so ist zu hören, will der Wirtschaft Kosten für zusätzliche Bürokratie aufbürden.

erschienen in Ausgabe 9 / 2013: Solidarität: Was Menschen verbindet

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