Der Staat bekommt nichts

Die Mittelschicht in El Salvador gibt ihr Geld für Autos, Shopping und Privatschulen aus – und zahlt die fälligen Steuern möglichst nicht. Wie im eigenen Land die Armut reduziert werden kann, interessiert sie kaum.

Große Einkaufszentren nach US-amerikanischem Vorbild – hier in San Salvador – sind ein beliebtes Ausflugsziel für die MittelschichtAnthony Plummer/getty Images
Wenn Autos ein Gradmesser dafür sind, dass ihre Besitzer sich etwas leisten können, dann muss die Mittelschicht in San Salvador ziemlich breit sein. Im vergangenen Jahrzehnt wurde in der Hauptstadt des zentralamerikanischen Kleinstaats El Salvador eine Stadtautobahn nach der anderen gebaut, in mehreren Ringen und bis zu acht Fahrspuren breit – und trotzdem verkeilt sich der Verkehr zu fast jeder Tageszeit. Viele Limousinen neuesten Datums stehen im Stau, fast genauso viele große Geländewagen mit Allradantrieb. Die Insassen haben die Scheiben geschlossen und lassen den Innenraum von Sprit schluckenden Klimaanlagen herunterkühlen; draußen brütet die tropische Hitze. Vor zehn Jahren waren bei der Zulassungsbehörde knapp 585.000 Fahrzeuge registriert, heute sind es mehr als 840.000.

Eines dieser Autos, ein bald zehn Jahre alter Toyota, gehört Flor de María Hernández und Vladimir Morales. Das Ehepaar verlässt sein Haus fast nur im Wagen. Die öffentlichen Busse nehmen sie so gut wie nie – weil sie unsicher sind und oft überfallen werden, und weil ohnehin kaum ein Bus ihr Wohngebiet in Lomas de San Francisco anfährt. Es ist ein typisches Viertel der neuen Mittelschicht, gebaut in den Hügeln am südlichen Stadtrand: Die meisten Sträßchen sind Sackgassen, eingefriedet von hohen Mauern und Gittern. Die Wege sind sauber, die Vorgärten gepflegt. Viele Häuser sind so ausgerichtet, dass der Blick in Richtung Nordosten geht, hinüber zum mächtigen Vulkan von San Salvador auf der anderen Seite der Stadt.

Am Eingang jeder Wohnstraße steht einen bewaffneten Wächter

Wie in den meisten Vierteln der Mittelklasse steht in Lomas de San Francisco am Eingangstor jeder Wohnstraße ein bewaffneter privater Wächter. Wer Einlass begehrt, wird gefragt, wen er besuchen will; manche Wachleute verlangen den Personalausweis. Verdächtig erscheinende Besucher müssen draußen bleiben. Hier spielen die Kinder noch auf der Straße, man fürchtet sich nicht vor Überfällen und Einbrüchen.

Flor de María und Vladimir verdienen zusammen 4000 US-Dollar im Monat. Für ihr Einfamilienhaus bezahlen sie 500 Dollar Miete. Sie haben eine Hausangestellte, die ganztägig bei ihnen arbeitet und in einem Kämmerchen schläft, das die Architekten solcher Wohnviertel in der Regel gleich neben der Küche oder beim Waschstein im Hinterhof unterbringen. Nur an den Wochenenden fährt die Angestellte ins Landesinnere zu ihrer Familie. Sie verdient 240 Dollar im Monat, das ist der gesetzliche Mindestlohn. Sie putzt das Haus, kocht, wäscht und spült und betreut die dreijährige Tochter des Paars, wenn die um die Mittagszeit von der Kinderkrippe zurückkommt.

Im nächsten Jahr wird das Mädchen in den Ganztageskindergarten kommen, der mit 250 Dollar im Monat fast vier Mal so teuer ist wie die Krippe. Sie wird einen privaten, zweisprachigen Hort besuchen: Gespielt und unterrichtet wird dort in Spanisch und Englisch. Ein öffentlicher Kindergarten kommt für Flor de María nicht infrage. „Die Erzieherinnen dort bringen den Kindern nicht viel bei“, sagt sie. „Außerdem ist es gefährlich.“ Bewaffnetes Wachpersonal haben meist nur die privaten Einrichtungen. „Und es ist mir wichtig, dass die Erziehung zweisprachig ist.“ Die Kleine spielt während des  Gesprächs ein Videospiel auf dem Mobiltelefon ihres Vaters.

erschienen in Ausgabe 10 / 2014: Hoffen auf die Mittelschicht

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