Mukoma Wa Ngugi

Wenn Mukoma Wa Ngugi ein Buch schreibt, ist er selbst gespannt, wie die Geschichte ausgeht.

Mukoma Wa Ngugi

„In meiner Muttersprache kann ich direkter sein“

Der kenianisch-amerikanische Autor Mukoma Wa Ngugi fühlt Literaturprofessor, Journalist und Krimiautor. Im Interview erzählt er von seinem großen Vorbild und dem Leben zwischen zwei Welten.

Warum schreiben Sie als Journalist politische Krimis?
Wenn ich etwas kommentiere und meine Meinung verbreite, dann werfe ich den Lesern eine Antwort hin. Mit Literatur kann ich sie zum Nachdenken bringen und gleichzeitig über sehr persönliche Stimmungen schreiben. Warum ein Mensch plötzlich ein Killer wird und seinen Nachbarn umbringt, ist keine journalistische Frage. Außerdem erreiche ich mit Literatur auch Menschen, die sich weniger für politische Fragen interessieren.

Ihr Vater Ngugi Wa Thiong’o  gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Ostafrikas. Was haben Sie von ihm gelernt?
Mein Vater hat mir viel über kenianische Literatur beigebracht und mir vorgelebt, die Dinge zu hinterfragen. Es hat mir vor allem geholfen, einfach zu sehen, wie er arbeitet: Wie er zwischen Papierstapeln in seinem Arbeitszimmer saß, umgeben von einer Menge von Büchern. Ich hatte immer den Traum zu schreiben. Solch ein Vorbild zu haben war ein großes Geschenk.

Fühlen Sie sich nie, als würden Sie in seinem Schatten stehen?
Nein, das ist für mich ein normaler Zustand. Wir reden viel über das Schreiben und unsere Texte. Wir sind auch nicht die einzigen Autoren in der Familie. Meine Schwester und zwei meiner Brüder schreiben auch. Wir fühlen uns wie eine Schriftstellergemeinschaft. Es war nur seltsam, die Bücher meines Vaters in der Schule zu lesen. Alle haben mich angeschaut, als sei ich der Experte.

Mukoma Wa Ngugi

Mukoma Wa Ngugi wurde in den USA geboren, ist in Kenia aufgewachsen und ging zum Studium wieder zurück. Er hat bisher einen Gedichtband und drei Romane veröffentlicht. In Deutschland ist er vor allem für seine beiden Krimis „…

Sie haben einmal gesagt, Sie schreiben Krimis, weil es das einzige Genre ist, das Ihr Vater nicht bedient. Ist da etwas Wahres dran?  
Oh nein, so ist das nicht. Mein Vater hat zwar  versucht, einen Krimi zu schreiben und daraus ist nichts geworden. Bei mir war das eher unabsichtlich. Wenn ich nicht zufällig auf meine Geschichte gestoßen wäre, wäre mir das wahrscheinlich auch nicht gelungen.

Welche Geschichte war das?
Es war in Madison, Wisconsin. Ich war auf dem Heimweg, da sah ich plötzlich ein Mädchen in Cheerleader-Uniform ohnmächtig auf einer Treppe liegen. Am Abend hatte ein Baseball-Spiel stattgefunden, da wurde wahrscheinlich viel getrunken. Ich rief also die Polizei und einen Krankenwagen. Der Polizist war ein Afroamerikaner. Irgendwann habe ich einfach auf die Szene geschaut: Da stand dieser schwarze Polizist, und auf den Treppen lag diese weiße Frau. Das wurde der Einstieg in meinen ersten Krimi, der ebenfalls damit beginnt, dass eine blonde Frau tot auf einer Veranda in Madison liegt.

Der afroamerikanische Detective Ishmael ist eine der beiden Hauptfiguren in Ihren Krimis. Der Kenianer ist in den USA aufgewachsen und zieht später in seine Heimat zurück, fühlt sich aber nirgends richtig zu Hause. Wie viel von Ihnen steckt in dieser Figur?  
Ich habe früher mehr um meine Identität gerungen, da war er mir ähnlich, aber das ist schon eine Weile her. Als ich mit 19 zurück in die USA ging, hatte das einzig den Grund, dass ich dort studieren wollte. Bis dahin hatte ich mich ausschließlich als Kenianer gefühlt, und mir war klar, dass ich nach dem Studium dorthin zurückgehen würde. Doch jetzt bin ich in den USA verheiratet und habe eine Tochter, ein Haus und einen Job. Das hat zwischendurch schon ein paar Fragen bei mir aufgeworfen. Aber irgendwann habe ich entschieden, sowohl Kenia als auch die USA als mein Zuhause zu bezeichnen.

Waren Sie in jüngster Zeit in Kenia?
Ja, im Dezember. Ich habe meine Familie besucht, mich mit Kollegen getroffen und an einem Treffen für den Mabati Cornell Kiswahili Prize for African Literature teilgenommen. Das ist ein Preis für besonders gelungene Übersetzungen aus und in afrikanische Sprachen, den ich mitgegründet habe. Übersetzungen interessieren mich sehr.

Se selbst schreiben auf Englisch, obwohl Ihre Muttersprache das in Kenia verbreitete Kikuyu ist. Welche Rolle spielt die Sprache für Sie beim Schreiben?
Ich bewege mich derzeit weg vom Englischen und will demnächst ein Buch auf Kikuyu schreiben. Es wird interessant, das dann ins Englische zu übersetzen, und in andere afrikanische Sprachen. Ich bin sehr gespannt, wie sich das anhört. Inwiefern Sprache einen verändert, ist auch eine interessante Frage. Ich könnte mir vorstellen, dass ich in meiner Muttersprache direkter bin.

Ändert sich etwas an Ihrem Verhalten, wenn Sie in Kenia ankommen?
Ich bleibe schon derselbe, aber in Kenia bin ich entspannter. Es ist immer noch vertrauter und ich habe dort mehr Erinnerungen: Da ist mein altes Kinderzimmer, da bin ich zur Schule gegangen. Das habe ich zunehmend auch in den USA. Aber da werde ich einfach ständig daran erinnert, dass ich schwarz bin. Manchmal fühle ich mich geradezu überwacht. Du gehst in einen Laden und wirst schräg angeschaut, Du wirst angehalten, wenn Du Auto fährst.

Rassismus ist auch ein Thema in Ihren Büchern. Wie nehmen Sie das in den USA wahr?
Die USA sind sehr rassistisch. Der Rassismus hat sich aber verändert. In den fünfziger und sechziger Jahren ging er eher von der politischen Macht aus. Seit dem 11. September 2001 ist Rassismus vor allem angstgesteuert. Viele weiße Amerikaner haben Angst, eine Minderheit im eigenen Land zu werden. Wirtschaftlich geht es den USA eigentlich gut, aber es gibt auch viele Weiße, die arm sind. 44 Millionen Menschen leben dort unter der Armutsgrenze, das sind ganz schön viele – so viele, wie in ganz Kenia leben. Weder die Republikaner noch die Demokraten reden darüber. Jemand wie Donald Trump kann diese Fakten zu seinen Gunsten auslegen: Indem er Feindbilder verschärft und andere für die Armut verantwortlich macht.

Wie schreiben Sie Ihre Bücher?
Früher habe ich gerne in Jazzclubs geschrieben. Das kann ich nicht mehr so gut. Auch nachts schreiben geht nicht mehr. Klingt trist, aber ich schreibe meist in meinem Büro. Das Schöne am Schreiben ist nach wie vor, dass man nie weiß, wo man ankommt. Bei meinen beiden Krimis wusste ich auch erst einmal  nicht, wer der Mörder war, es gab nur die Leichen und die beiden Detectives.

Arbeiten Sie gerade an einem neuen Buch?
Ich habe vor kurzem eine Geschichte über Musiker fertiggeschrieben, sie spielt in Nairobi und Äthiopien. Außerdem arbeite ich gerade an einem Buch über afrikanische Literatur.

Und wie geht es weiter mit den Detectives aus Ihren Krimis, Ishmael und seinem Kollegen O?
Ach, ich mache mir Sorgen um sie. Sie sind echt am Ende. Vielleicht muss ich sie ein bisschen schonen. Sie haben viele Traumata. Am Ende von meinem zweiten Krimi „Black Star Nairobi“ stehen sie zum Beispiel vor der Entscheidung, ob sie Terrorismus im Namen des Guten decken oder bekämpfen sollen. Das hat sie hart getroffen, ich leide wirklich mit ihnen.

Das Gespräch führte Hanna Pütz.

erschienen in Ausgabe 3 / 2016: Flucht und Migration: Dahin, wo es besser ist

Neuen Kommentar schreiben