Wasserstoffproduktion in Afrika
 Die damalige Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, stellt im Mai 2021 gemeinsam mit Stefan Kaufmann, Innovationsbeauftragter Grüner Wasserstoff (links), und dem Projektkoordinator Solomon Nwabueze Agbo die ­Wasserstoffpartnerschaft mit Westafrika vor.

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Wasserstoffproduktion in Afrika

Von Wasserstoff und Partnerschaft

In Afrika gibt es viel Sonne und Wind – ideal, um günstig grünen Wasserstoff für Europa herzustellen. Wenn es gut läuft, profitieren auch Afrikanerinnen und Afrikaner, die noch nicht einmal einen Stromanschluss haben.

War Günter Nooke bloß seiner Zeit voraus? Oder war sein Vorschlag eine Schnapsidee? Im Sommer 2020 empfahl der Afrikabeauftragte der damaligen Bundesregierung, Deutschland solle in der Demokratischen Republik Kongo in den Riesenstaudamm Inga 3 investieren. Mit dem dort produzierten Strom, sofern er nicht vor Ort gebraucht werde, könne grüner Wasserstoff für Deutschland und Europa hergestellt werden. Offensichtlich sei er als Erster auf diese Idee gekommen, schrieb Nooke damals auf seiner Website. Allerdings wurde der Vorschlag seinerzeit eher belächelt. Umwelt- und Entwicklungsorganisationen kritisierten ihn als neokolonial.

Heute hingegen, zwei Jahre später, besteht Konsens zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen, dass die Produktion von grünem Wasserstoff in Afrika einen wichtigen Beitrag zum klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft dort und in Europa leisten kann. Die frühere Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU/CSU) schwärmte vor einem Jahr, Westafrika könne zum „klimafreundlichen ,Powerhouse‘ der Welt“ werden. In der Region könne so viel Wasserstoff produziert werden, dass es den deutschen Bedarf im Jahr 2030 um das 1500-fache übertreffe.

Stefan Liebing, der Vorsitzende des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, sagt, grüner Wasserstoff könnte „der große Treiber für die deutsch-afrikanischen Wirtschaftsbeziehungen werden“. Und in einem Positionspapier zivilgesellschaftlicher Organisationen aus Deutschland und Afrika heißt es, die Frage sei nicht, ob grüner Wasserstoff Teil einer dekarbonisierten Wirtschaft in Afrika werde, sondern wie. Als Chancen nennt das Papier unter anderem gleichberechtigte Partnerschaften mit Deutschland und anderen europäischen Ländern.

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Tatsächlich laufen bereits erste kommerzielle Großprojekte an: Ende des vergangenen Jahres erhielt das in Brandenburg ansässige Unternehmen Enertrag von der namibischen Regierung den Zuschlag, eine Anlage zur Produktion von jährlich 300.000 Tonnen grünem Wasserstoff für den regionalen und internationalen Markt zu errichten. Die Gesamtinvestitionen für die benötigte Infrastruktur wie Fotovoltaik- und Windkraftwerke, Anlagen zur Meerwasserentsalzung und einen Exporthafen sollen am Ende mehr als neun Milliarden US-Dollar betragen – mehr als sämtliche bisherigen Direkt­investitionen aus Deutschland in Namibias großem Nachbarn Südafrika. Und in Angola wollen der Nürnberger Anlagenbauer Gauff und das von Stefan Liebing geführte Beratungsunternehmen Conjuncta zusammen mit dem angolanischen Ölkonzern Sonangol 800 Millionen Euro in eine Anlage investieren, die schon in zwei Jahren grünen Wasserstoff nach Deutschland exportieren soll.

Keine Energiequelle wie Öl oder Gas

Wird grüner Wasserstoff das Öl des 21. Jahrhunderts und Afrika ein wichtiges Zentrum für die globale Energieversorgung, so wie der Nahe Osten im Zeitalter der fossilen Energien? Eher nicht. Der Vergleich hinkt schon deshalb, weil Wasserstoff keine Energiequelle wie Öl oder Gas ist, sondern lediglich ein Speichermedium für aus anderen Quellen gewonnene Energie. Beim grünen Wasserstoff wird in einem Elektrolyse genannten Verfahren Wasser in seine Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt und letzterer aufgefangen. Dazu wird sehr viel Strom benötigt, weshalb Wasserstoff nur dann zu einer klimafreundlichen Energiewende beitragen kann, wenn er mit erneuerbaren Quellen wie Wind- oder Sonnenenergie hergestellt wird. 

Die eingesetzte elektrische Energie wird in chemische Energie umgewandelt und im Wasserstoff gespeichert. Wasserstoff, chemisch H2, ist ein hoch entzündliches Gas. Es kann gelagert und transportiert sowie in andere Produkte umgewandelt werden, etwa in Ammoniak, das vor allem zur Herstellung von Düngemitteln verwendet wird. In Betracht kommt grüner Wasserstoff als Alternative zu Kohle, Erdgas oder Öl in der Schwerindustrie wie der Stahlproduktion oder dort, wo eine direkte Elektrifizierung nicht möglich ist, etwa in Flugzeugen oder Schiffen. 

Viele Länder in Afrika sind als Produktions­standort für grünen Wasserstoff deshalb interessant, weil dort theoretisch riesige Mengen Strom aus Wind- und Sonnenenergie produziert werden könnten – zu deutlich günstigeren Preisen als in Europa. In einem von der Bundesregierung geförderten Vorhaben erstellt das Forschungszentrum Jülich derzeit mit Partnern im westlichen und südlichen Afrika einen digitalen „H2Atlas Africa“, der Auskunft darüber geben soll, wie hoch das Potenzial in verschiedenen Ländern auf dem Kontinent ist. Ergebnisse gibt es bislang für Westafrika – und die haben die frühere Bundesforschungsministerin zu ihrer euphorischen Einschätzung motiviert, die Region könnte ein Kraftzentrum klimafreundlicher Energie werden.

Ohne die nötigen Voraussetzungen keine Wasserstoffproduktion

Das ist allerdings nur oberflächlich betrachtet nachvollziehbar. Denn ein genauer Blick auf die interaktive Karte des Atlas zeigt, dass es etwa in Ländern wie Niger oder Burkina Faso an fast allem mangelt, was für eine nennenswerte Produktion von grünem Wasserstoff nötig wäre: ausreichend Wasser, einigermaßen stabile politische Rahmenbedingungen und genug aus Sonne und Wind produzierter Strom. Die optimistische Einschätzung von Ministerin Karliczek beruhte letztlich nur auf der Berechnung, wie viele Solar- und Windkraftwerke sich auf den riesigen, vermeintlich ungenutzten Landflächen etwa in Mali und Niger errichten ließen. Für Rainer Quitzow, der am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung IASS in Potsdam ein Projekt zur Politik der globalen Energiewende leitet, kommen neben Namibia, das bereits eine ehrgeizige Wasserstoff-Strategie hat, in absehbarer Zukunft vor allem Länder mit bereits installierten Mindestkapazitäten an erneuerbaren Energien als Produktionsstandorte infrage, etwa Südafrika, Marokko, Kenia und Ägypten. 

Hinzu kommt, dass heute schon in den meisten Ländern Afrikas viel zu wenig Elektrizität produziert wird. Auf dem gesamten Kontinent haben insgesamt mehr als eine halbe Milliarde Menschen keinen Stromanschluss. Macht es angesichts dieser Versorgungslücke überhaupt Sinn, über grünen Wasserstoff aus Afrika für Deutschland und Europa zu reden? Ja, macht es, sagen Fachleute. Man muss es nur richtig anpacken. Konsens besteht darüber, dass der Strom zur Herstellung von grünem Wasserstoff zusätzlich produziert werden muss und nicht zulasten der Energieversorgung in einem Land gehen darf. Dieses Prinzip der Additionalität findet sich in der deutschen Wasserstoff-Strategie ebenso wie in den Regeln der Europäischen Union. 

In einer für die Rosa-Luxemburg-Stiftung erstellten Studie plädiert das auf erneuerbare Energien und Klimaschutz spezialisierte Forschungs- und Beratungsinstitut Arepo Consult in Berlin sogar für eine „Additionalität 2.0“: In Wasserstoff-Partnerschaften mit Ländern in Afrika sollten nicht nur die für die Wasserstoff-Produktion nötigen Kraftwerke neu errichtet, sondern es sollte darüber hinaus in zusätzliche Stromanschlüsse für die Bevölkerung investiert werden.

Wasserstoff für den Export, saubere Energie für den heimischen Verbrauch?

„Wir dürfen vergangene Fehler aus der Ölproduktion in Afrika nicht wiederholen“, sagt Solomon Nwabueze Agbo, der im Forschungszentrum Jülich den H2Atlas Africa betreut. Agbo stammt aus Nigeria und weiß, wovon er spricht: „Die nigerianische Regierung ist zu stark auf den Ölexport fokussiert; im Land gibt es nicht eine einzige funktionierende Raffinerie, und viele Nigerianer haben keinen Zugang zu Energie.“ Agbo ist überzeugt, dass die Produktion von grünem Wasserstoff in Afrika eine Zukunft hat. Aber die Versorgung der eigenen Bevölkerung müsse Vorrang vor dem Export haben.

Stefan Liebing vom Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft stimmt einerseits zu: „Richtig ist: Afrika braucht derzeit keinen Wasserstoff, Afrika braucht Strom.“ Andererseits besteht für ihn kein Gegensatz zwischen der Produktion von grünem Wasserstoff für den Export und von sauberer Energie für den heimischen Verbrauch in Afrika – im Gegenteil: Investitionen aus dem Ausland in die Stromversorgung in Afrika seien in der Vergangenheit unter anderem deshalb nie richtig in Gang gekommen, weil sie riskant waren und Kapitalgeber deshalb lieber die Finger davon gelassen haben, sagt Liebing. „Das sieht ganz anders aus, wenn jetzt garantiert ist, dass ein großer Konzern in Deutschland den im Wasserstoff gespeicherten Strom kauft.“ Liebing ist überzeugt, dass die Exportorientierung beim grünen Wasserstoff dem Ausbau erneuerbarer Energien in Afrika einen deutlichen Schub geben wird. 

Aber würden deutsche Unternehmen auch in zusätzliche Stromanschlüsse für die Bevölkerung investieren, wie es die von Arepo Consult vorgeschlagene Additionalität 2.0 fordert? Liebing geht davon aus, dass das machbar wäre: „Das müsste dann im Zweifel aus den Einnahmen aus dem Wasserstoff quersubventioniert werden, wenn unsicher ist, wer wie viel für den zusätzlichen Strom zahlt.“ Die Verantwortung dafür, Investitionen entsprechend zu regulieren und solche zusätzlichen Energiekapazitäten zu fordern, liege bei den afrikanischen Regierungen, sagt Liebing. 

Im Falle der von seiner Firma zusammen mit Gauff in Angola geplanten Anlage sei das allerdings gar nicht nötig gewesen: Der Wasserstoff soll dort mit Energie aus einem Wasserkraftwerk hergestellt werden, das seit Jahren nur mit halber Leistung läuft, weil es nicht mehr Strom ins nationale Netz einspeisen könne; die vom Prinzip der Additionalität geforderten zusätzlichen Kapazitäten seien also bereits vorhanden, erklärt Liebing. „Unser Partner Sonangol versteht das Wasserstoffprojekt zudem als einen Schritt in die Zukunft, wenn er aufgrund des internationalen Klimaschutzes keine Abnehmer mehr für sein Öl und Gas findet. Aus den Einnahmen aus dem Wasserstoffexport soll dann über Investitionen in dezentrale Netze die Stromversorgung in den dünn besiedelten ländlichen Regionen des Landes verbessert werden.“

Künftige „klimafreundliche Wirtschaftsräume“ in Afrika

Wenn es dazu kommt, wäre das vorbildlich. Denn bisher wird nach Ansicht von Amos Wemanya von der Organisation Powershift Africa in Kenia in der Wasserstoffdebatte in Afrika die Energiearmut auf dem Kontinent nicht ausreichend thematisiert. Wemanya sieht das Risiko, dass wie beim Öl einige Leute viel Geld verdienen, während die Bevölkerung nur Nachteile hat – etwa wenn sie von ihrem Land vertrieben wird, weil das für Solaranlagen gebraucht wird, oder wenn Trinkwasserreserven angezapft werden. Wemanya fürchtet zudem, dass afrikanische Regierungen einmal mehr am kürzeren Hebel sitzen könnten, wenn sie mächtigen Investoren Vorgaben machen und diese durchsetzen wollen. „Es braucht starke staatliche Institutionen, um faire Partnerschaften zu schließen. Und es braucht starke zivilgesellschaftliche Kräfte bei uns und in den Herkunftsländern der Investoren, die kontrollieren können, ob Verpflichtungen eingehalten werden.“

Langfristig könnte grüner Wasserstoff die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Afrika und Europa stark verändern. Für den Export kommen nach Ansicht von Stefan Liebing nur eine Handvoll Länder an der Westküste und im Norden des Kontinents infrage, etwa Südafrika, Namibia, Angola, Mauretanien und Marokko. Von Binnenländern aus sei der Transport über Pipelines reine Zukunftsmusik. Liebing vermutet aber ohnehin, dass anders als im Zeitalter von Kohle und Öl energieintensive Industrien sich künftig verstärkt dort ansiedeln werden, wo es ausreichend saubere Energie gibt.

Auch Rainer Quitzow vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam denkt jetzt schon weiter. Er sieht grünen Wasserstoff als einen Baustein für künftige „klimafreundliche Wirtschaftsräume“ in Afrika, in denen sich weitere Industrien ansiedeln. „Wir werden grünen Wasserstoff nicht so handeln, wie wir heute Öl handeln“, sagt Quitzow. Es gehe unter anderem um Exportprodukte entlang der Wasserstoff-Wertschöpfungskette, etwa Ammoniak oder Eisenschlamm für die Stahlproduktion. Das wäre dann eine ganz andere Art der Energiepartnerschaft, als der ehemalige Afrikabeauftragte Günter Nooke sie mit dem Kongo im Sinn hatte.

erschienen in Ausgabe 7 / 2022: Das Zeug für den grünen Aufbruch

Kommentare

Schade dass Sie Ihre Zeit verschwenden für ein Projekt, das keine Zukunft hat. Immerhin überwiegen in ihrem Beitrag die Zweifel am Sinn und an der Machbarkeit. Lassen Sie uns mal in einem Jahr nachsehen, wieviel Wasserstoff in Afrika produziert oder gar transportiert wurde. Meine Prognose: Nicht ein Gramm. Jedem mit ernstem Interesse am Thema empfehle ich das grundlegende Buch--Rudolf Weber, Der sauberste Brennstoff--.

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