Die Insassen des Kirikiri-Gefängnisses in der nigerianischen Millionenstadt Lagos schöpfen 2018 Eimer voller Fäkalien aus ihren überlaufenden Toiletten und leeren sie direkt hinter den Mauern des Gebäudes auf den Boden. Das ist ekelhaft und schafft eine Brutstätte für Krankheitserreger. Aber es ist seit Jahr und Tag die einzige Methode zur Entsorgung menschlicher Exkremente in dem 1955 noch von der britischen Kolonialmacht erbauten Gefängnis.
„Der Wasserstand in Kirikiri ist sehr hoch“, erklärt Olukemi Ibikunle. „Man gräbt einen Meter tief und stößt schon auf Wasser. Deshalb war es schwierig, dort ein Abwassersystem zu betreiben – jedes Mal, wenn man etwas baute, lief an der Oberfläche alles über.“
Ein Gefängnistor, durch das Abwasserwagen passen
Die Strafvollzugsbeamtin regte an, Abwasserwagen zu beauftragen, das Schmutzwasser regelmäßig zu entsorgen. Das aber erwies sich als unmöglich, denn das bogenförmige Eingangstor zum Gefängnis ist für Schwerlastfahrzeuge zu eng. Folglich schlug Ibikunle bei einer vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) organisierten Schulung für Justizvollzugsbeamte vor, das Tor zu erweitern. Einer der Moderatoren war von ihrer Idee begeistert, und drei Wochen später erhielt Ibikunle einen Anruf, dass das IKRK bereit sei, die Innovation zu finanzieren. „Nun galt es, meine Vorgesetzten davon zu überzeugen, dass solch ein erweitertes Tor nicht zu Ausbrüchen führen würde“, erinnert sich Ibikunle.
Das gelang ihr. Im Oktober 2019 eröffnet das Kirikiri-Gefängnis ein Eingangstor, das mit einem Kontrollbereich zur Überwachung des Fahrzeugverkehrs ausgestattet ist. In den Monaten danach übernehmen eine Reihe weiterer Justizvollzugsanstalten im ganzen Land die Idee, nicht nur für Fahrzeuge zur Abwasserentsorgung, sondern auch für die Lieferung von Waren und Lebensmitteln. „Das Militär erhält jede Menge Geld aus dem Haushalt, dann kommt die Polizei – und dann erst die Gefängnisse“, kritisiert Ibikunle. „Die Haftanstalten müssen ständig ihr Budget rechtfertigen, dabei ist es bei weitem nicht so hoch wie das, was die anderen Sicherheitsbehörden erhalten.“
Zuvor hatte die heute 44-Jährige angeregt, dass die Köche der Haftanstalt bei der Zubereitung von Mahlzeiten nicht nur Brennholz, sondern auch Biogas nutzen. Das habe die Kosten für den Kauf von Brennstoff gesenkt, berichtet Ibikunle, und die Belastung durch Hitze und Rauch von traditionellen Öfen verringert.
Autorin
Damilola Banjo
kommt aus Nigeria, ist Reporterin bei der gemeinnützigen Nachrichtenplattform „PassBlue“ und berichtet vor allem über Geschlechtergleichstellung und Friedenssicherung in Afrika sowie über die Beziehungen zwischen den USA und den Vereinten Nationen.Ibikunles Begeisterung für innovative Ideen
Ihre Leidenschaft, innovative Projekte auch gegen Widerstände durchzusetzen, zeichnet die zweifache Mutter aus. „Fast überall auf der Welt betrachten die Menschen den Beruf des Strafvollzugsbeamten oder Gefängniswärters als nicht besonders attraktiv“, sagt Ibikunle. Für sie aber war der Job eine Flucht aus der Langeweile.
Nachdem sie Geologie studiert und sich auf das Bauwesen spezialisiert hatte, arbeitete sie zunächst als Schalterbeamtin bei einer Bank. Das langweilte sie mit der Zeit, und sie wechselte in die Marketingabteilung. Nach drei Jahren spürte sie den Drang zu etwas ganz Neuem. „Mein Ziel war es schon immer, etwas zu verändern, etwas zu bauen, etwas zu schaffen, das andere Menschen glücklich macht“, sagt Ibikunle. Der nigerianische Strafvollzugsdienst, in den sie 2010 eintrat, bot ihr dann die Grundlage, auf der sie mit ihren innovativen Ideen aufbauen konnte. Laut dem IKRK bieten Nigerias Gefängnisse 53.000 Plätze, beherbergen aber über 80.000 Häftlinge.
Als Strafvollzugsbeamtin in der DR Kongo
Als die Vereinten Nationen einige Jahre später der nigerianischen Regierung mitteilten, dass sie eine weibliche Strafvollzugsbeamtin für den Einsatz in der Demokratischen Republik Kongo suchen, fiel das Augenmerk sofort auf die damals 39-Jährige. Sie selbst sagt heute, dass auch ihr Mann sie ermutigt habe, das Angebot anzunehmen, als es ihr unterbreitet wurde. „Er bot sogar an, die Kinder selbst großzuziehen, da sie schließlich seinen Namen trügen.“ In dem von jahrzehntelangem Krieg gebeutelten, mineralreichen Land hat der Bau geeigneter Einrichtungen für Häftlinge für die nationale Regierung keine Priorität.
2020 schloss sich Ibikunle der MONUSCO an, der Friedensmission der Vereinten Nationen in der DR Kongo. In den Gefängnissen, die sie vorfand, waren Frauen und Männer zusammen untergebracht, es gab keine Freizeit- oder Lesebereiche, Rebellensoldaten teilten mit Kleinkriminellen die Zelle, erinnert sie sich. Männer und Frauen drängten sich im Innenhof, stritten sich um Wasserstellen, um Kleidung oder auch Geschirr oder Essen zu waschen. Frauen mussten für Arzttermine durch von Männern dominierte Bereiche gehen. Das bei weitem größte Problem seien aber die sanitären Einrichtungen gewesen. „Entweder wurden sie gemeinsam genutzt, oder die Trennung war nur theoretisch, ohne richtige Türen, Zäune oder Beleuchtung, wodurch besonders die Frauen gefährdet waren“, sagt sie.
Separate Frauenunterkünfte, Bibliotheken und Sportbereiche
In drei Gefängnissen, Kananga, Uvira und Tshikapa, sanierten Ibikunle und ihr Team die Einrichtungen so, dass männliche Häftlinge keinen Zugang mehr zu den Frauenunterkünften hatten. Im Makala-Gefängnis in Kinshasa wurde sogar eine Klinik nur für Frauen gebaut, damit diese nicht mehr die Krankenstationen der Männer mitbenutzen mussten. Als erstes entwarf Ibikunle eine Gefängnisstruktur, die nicht nur die Sicherheit der Frauen berücksichtigte, sondern auch Bibliotheken, Werkstätten, Klassenzimmer und Sportbereiche vorsah.
Ihr Prototyp für ein Strafvollzugszentrum wurde als nationale Richtlinie übernommen – und erstmals im neu erbauten Hochsicherheitsgefängnis in Kabare, Süd-Kivu, umgesetzt. Ibikunle verfolgte in der DR Kongo denselben Ansatz wie in Nigeria und überzeugte die Verantwortlichen, indem sie darauf hinwies, dass Insassen gesünder sind, wenn sie sich körperlich betätigen könnten. „Und mit einer Bibliothek“, fügte sie hinzu, „können sie ihre Zeit mit Lesen verbringen, anstatt darüber nachzudenken, wie sie ausbrechen können.“
Genau wie in Lagos installierte Ibikunle 2021, ein Jahr nach ihrer Ankunft, im Gefängnis von Uvira erfolgreich ein Biogassystem. Die Anlage, die mit den Fäkalien der Insassen betrieben wird, wurde an die Küchen angeschlossen, wo der Energieverbrauch am höchsten war. Zum 30. April 2024 zog die MONUSCO aus Süd-Kivu ab. Ibikunle arbeitete als Teil eines Restteams weiterhin im Osten der DR Kongo, musste allerdings von ihrem Stützpunkt in Bukavu nach Entebbe in Uganda umziehen, nachdem M23-Rebellen begonnen hatten, Gebiete in der Region zu erobern.
Im Oktober 2025 hat Ibikunle die dritte Ausgabe des UN Trailblazer Award für Justiz- und Strafvollzugsbeamtinnen gewonnen. Der Preis wird von der Abteilung für Friedenssicherungseinsätze der Vereinten Nationen vergeben.
Aus dem Englischen von Barbara Erbe.
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