„Gemischte Zwischenbilanz“: So fasst der Bundesrat, die Schweizer Regierung, den Stand der Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele in der Schweiz zusammen. Zwar stellt der Bericht in einigen Bereichen Fortschritte fest. So sei der sogenannte Materialfußabdruck gesunken, der misst, wie viele Rohstoffe für den Konsum einer durchschnittlichen Person abgebaut werden müssen; ebenso der Energieverbrauch oder der Treibhausgasfußabdruck in der Ernährung. Allerdings sei etwa der Rückgang beim Materialfußabdruck zu gering, um das Ziel für die nachhaltige Nutzung natürlicher Rohstoffe zu erreichen.
An anderen Stellen stagniert die Entwicklung oder es gab sogar Rückschritte. Die Armutsquote etwa hat sich im Vergleich zum letzten Bericht 2022 nicht verändert, ebenso die Erwerbsbeteiligung von Menschen mit Behinderung oder der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum. Zugenommen hat die Zahl der Menschen in der Schweiz, die sich etwa am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche oder etwa die Polizei diskriminiert fühlen. In diesen Bereichen seien die Nachhaltigkeitsziele bis 2030 „unter aktuellen Bedingungen schwer erreichbar“, heißt es in dem Bericht der Regierung.
Im Berichtsjahr 2025 ist die Schweiz im globalen Ranking auf dem 26. Platz. Außenminister Ignazio Cassis nennt im Vorwort des Berichts geopolitische Spannungen, sicherheitspolitische Anforderungen und eine zunehmende „Einschränkung finanzieller und politischer Handlungsspielräume“ als Begründung für die durchwachsene Bilanz.
Die Regierung sieht die Ziele nur noch als "Referenzrahmen"
Was Vertreter der Zivilgesellschaft angesichts dieser Begründung jedoch bemängeln, ist, dass die Schweiz die schwache Bilanz nicht als Ansporn nimmt, sich stärker anzustrengen. Im Gegenteil: Die Regierung bezeichnet die Nachhaltigkeitsziele in ihrem Bericht jetzt nur noch als „Referenzrahmen“: Die Ziele seien weiter relevant, „sind jedoch unter den aktuellen Bedingungen weder in allen Bereichen noch im ursprünglich vorgesehenen Umfang erreichbar“.
Beat Gerber von Amnesty Schweiz nennt das „mutlos“. Denn das heiße, dass man sich nicht mehr an diese Ziele halten müsse, sondern sich unter Umständen nur noch ein bisschen daran orientiere.
In eine ähnliche Richtung argumentiert Rianne Roshier von der Plattform Agenda 2030, einem Zusammenschluss von rund fünfzig zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich für die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele einsetzen. Sie betont, dass diese UN-Ziele, zu denen sich 2015 alle Staaten bekannt haben, verbindlich seien. Noch im letzten Länderbericht der Schweiz 2022 schwang dieser Grundsatz in zahlreichen Formulierungen mit, etwa wenn es hieß: „Die nachhaltige Entwicklung stellt in der Schweiz ein zentrales politisches Leitprinzip auf allen Staatsebenen dar.“
Einige Länder torpedieren die Agenda 2030, andere engagieren sich dafür
Dieses Eintreten für die politische Vision der Ziele vermisst Roshier im aktuellen Bericht. Natürlich sei die geopolitische Lage schwieriger als noch vor zehn Jahren, sagt sie. „Aber während Länder wie die USA die Agenda 2030 heute torpedieren, setzen sich andere wie Spanien dezidiert dafür ein.“ Mit anderen Worten: Auch in einem schwierigen geopolitischen Umfeld sei es möglich, sich anders zu positionieren, als es die Schweiz nun tue.
Beat Gerber sagt dazu: „Man benennt ein Problem und tut so, als sei das ein Naturgesetz, dem man sich zu fügen hat.“ Als Beispiel nennt Gerber die autoritären Tendenzen weltweit sowie den historischen Rückgang der Entwicklungshilfe, die der Bericht als zwei dieser Herausforderungen anführt. „Dabei kürzt ja auch die Schweiz die Mittel für die Internationale Zusammenarbeit. Sie müsste sich stattdessen viel stärker für multilaterale Organisationen wie den internationalen Strafgerichtshof einsetzen, der derzeit unter Beschuss steht.“
Lobend merken beide an, dass der Bericht die sogenannten Spill-over-Effekte benennt: die Auswirkungen politischer Entscheidungen der Schweiz auf andere Länder, insbesondere im globalen Süden. Denn Nachhaltigkeit heiße, dass sinnvolle Entscheidungen in einem Bereich nicht zulasten anderer Bereiche gehen: „Wir können nicht Klimaschutz machen, ohne darauf zu achten, dass dadurch die Ungleichheit nicht weiter steigt“, sagt Roshier. „Die Agenda 2030 ist eine holistische Vision für eine bessere Zukunft.“
Allerdings habe sich das in der Praxis bisher noch zu wenig niedergeschlagen. Wenn etwa die Tätigkeiten von Schweizer Rohstofffirmen die Rechte von indigenen Gemeinschaften in anderen Ländern verletzten, dann sei die Schweiz direkt mit dieser Entwicklung anderswo verknüpft. Deswegen, sagt Beat Gerber, müsse sich eine Politik der Nachhaltigkeit auch um Fragen wie Konzernverantwortung oder globale Steuergerechtigkeit kümmern. „Hier wäre eine weniger mutlose, dafür konsequentere Politik der Schweiz angezeigt“, sagt Gerber.
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