Alema Alema gibt auch im Exil nicht auf

Frau in blauer Jacke: Halbporträt der afghanischen Ex-Ministerin Alema Alema
Melanie Kräuter
Alema Alema hat in Deutschland studiert und promoviert und war in Afghanistan zuletzt stellvertretende Ministerin für Menschenrechte und Zivilgesellschaft. Seit 2021 lebt sie wieder in Deutschland.
Afghanistan
Eine afghanische Ex-Ministerin kritisiert die deutsche Regierung für ihren Umgang mit Schutzsuchenden: Alema Alema hat in Deutschland studiert und lange in Afghanistan für deutsche Entwicklungsorganisationen und die Regierung gearbeitet. Seit fünf Jahren ist sie wieder in Deutschland und unterstützt die Opposition dort, so gut es geht.

Es gibt ein Afghanistan vor den Taliban, mit den Taliban, neunzehn Jahre ohne sie und jetzt schon wieder fünf Jahre mit ihnen. Alema Alema kann von all diesen Zeiten erzählen. Seit dem 15. August 2021 sind die Islamisten wieder in Kabul an der Macht. Und wie schon während ihrer ersten Herrschaft von 1996 bis 2002 haben sie die Frauen und Mädchen des Landes sämtlicher Rechte beraubt. 

Neunzehn Jahre lang, vom Sturz der Taliban 2002 bis zur Flucht des Westens 2021, wurden diese Rechte gefördert, auch von Alema Alema. Sie hat während der Intervention des Westens für Entwicklungsorganisationen und die afghanische Regierung gearbeitet, zuletzt war sie stellvertretende Ministerin für Menschenrechte und Zivilgesellschaft. Sie erinnert sich noch wie heute an den Tag im August, an dem das endete. „Die ersten Schießereien gab es in unserem Friedensministerium“, erzählt sie bei unserem Treffen in einem Frankfurter Café. 

Zum dritten Mal in Deutschland

Schon in den Wochen zuvor hatten die Taliban in einigen Provinzen des Landes Anschläge verübt. Sie wurde mehrmals gebeten, das Land zu verlassen, doch „ich wollte aus Liebe zu meinem Land bleiben“. Am 15. August 2021 schickte sie ihre 300 Angestellten nach Hause, ließ die Tür des Ministeriums von Sicherheitsleuten verriegeln und ließ sich von ihrem Fahrer nach Hause bringen. „Erst übers Fernsehen erfuhr ich, dass die Taliban wieder die Macht erlangt hatten.“ Am nächsten Tag wurde sie auf Drängen der deutschen Botschaft dann doch evakuiert – und kam nach Deutschland. Zum dritten Mal. 

Autorin

Melanie Kräuter

ist Redakteurin bei "Welt-Sichten".

Denn Alema Alema, die in Afghanistan nur Alema heißt, einen Nachnamen hat sie nicht, kam bereits 1983 über ein Stipendium zum Studieren nach Leipzig. Ein Vertrag zwischen der DDR und Afghanistan machte das möglich. Als sie 1988 nach ihrem Philosophiestudium an der Karl-Marx-Universität nach Afghanistan zurückkehrte, war vieles gut: „Es gab eine fortschrittliche Verfassung, in der die Gleichberechtigung von Mann und Frau verbrieft war. Damals waren 40 Prozent der Lehrkräfte Frauen. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen“, erzählt sie in gebrochenem Deutsch mit leicht sächsischem Dialekt. Sie arbeitete zwei Jahre in Afghanistan und ging Ende September 1990 zum Promovieren wieder nach Deutschland. 

Eine Scheinheirat kam für Alema nicht in Frage

„Ich kam drei Tage vor der Wiedervereinigung“, erinnert sich die zierliche Frau mit den braunen Augen und Haaren. „Weil nach dem Ende der DDR im Osten viele Professoren entlassen wurden, habe ich drei Monate gebraucht, um einen Doktorvater zu finden.“ Da ihre Aufenthaltserlaubnis für Deutschland an die Promotion gebunden war, hatte sie nach der Abgabe ihrer Doktorarbeit nur drei Möglichkeiten: zurück nach Afghanistan, Asyl beantragen oder einen Deutschen heiraten. „Nach Afghanistan zurück konnte ich nicht, weil dort Bürgerkrieg herrschte, und eine Scheinheirat wollte ich nicht. Also blieb mir nur, Asyl zu beantragen.“ Sie ging von Leipzig nach Frankfurt am Main, wo eine Freundin von ihr lebte. Zwei Jahre später, im Jahr 1997, erhielt sie Asyl und konnte endlich arbeiten.

Als die westliche Militärintervention die Taliban 2002 stürzte, wollte sie sofort zurück nach Afghanistan. Dort sollte sie als Gutachterin eine Bedarfsanalyse zur Situation der Frauen erstellen. Doch die Rückkehr schockierte sie: „Als ich mit einer Kollegin der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Taxi saß und durch Kabul gefahren bin, habe ich nichts wiedererkannt. Die Stadt war komplett zerstört. Wir haben bei null angefangen, alles wiederaufzubauen – das war mühsam für alle.“

Sie arbeitete für den Deutschen Entwicklungsdienst und ab Juli 2014 im 2002 eingerichteten Ministerium für Frauenangelegenheiten. „Wir haben in dieser Zeit einiges für die Rechte von Frauen erreicht. Im Parlament waren 27 Prozent der Abgeordneten weiblich, Frauen waren Ministerinnen, UN-Vertreterinnen und Botschafterinnen. Mädchen konnten zur Schule gehen“, erzählt sie stolz. 

Die NATO-Länder hatten keine Strategie

Gleichzeitig erinnert sie an die vielen Hindernisse damals: „Es gab viel Korruption, aber auch Einmischung von Nachbarländern wie Pakistan und dem Iran.“ Außerdem seien im Petersberger Abkommen vom Dezember 2001 zur Zukunft des Landes nicht die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden geschlossen worden, kritisiert Alema. Die Nato-Länder wollten, dass sich demokratische Kräfte und Reformen durchsetzten, doch „sie hatten keine Strategie oder haben sie ständig geändert“. 

Seit Mai 2025 arbeitet sie an der Frankfurt University of Applied Sciences und forscht dazu, ob ausländische Interventionen in Afghanistan Frieden schaffen konnten. „Nein“, sagt sie, „alle Interventionen in 50 Jahren haben nichts gebracht. Am Ende wurde Afghanistan immer alleingelassen und die Situation hat sich weiter verschlechtert.“ Man spürt, wie nah ihr die Situation in Afghanistan geht – sowohl in Bezug auf die Frauen als auch auf die humanitäre Lage. „Ich sage mir ständig: Ich darf nicht aufgeben!“ 

Gerade mal 1,53 Meter ist Alema groß. Und doch stecken so viel Power und Kampfgeist in ihr. „Widerstand bedeutet nicht, selbst eine Waffe in die Hand zu nehmen und zu schießen. Widerstand bedeutet Aufklärungsarbeit, Lösungen zu finden und die Menschen zu motivieren.“

Frauen in Afghanistan: Vom offenen zum heimlichen Protest

Genau das macht sie jeden Tag. Sie engagiert sich für afghanische Frauen, hält Vorträge, wird zu Konferenzen eingeladen, publiziert viel und ist gut vernetzt in Afghanistan und der Dias­pora. Ist Widerstand in Afghanistan überhaupt möglich? 

„Am Anfang haben die Frauen offen protestiert. Sie wurden gefoltert, sie mussten Talibananhänger heiraten und es wurden Nacktbilder von ihnen verbreitet.“ Inzwischen passiert mehr heimlich: „Jetzt treffen sich die Frauen privat, nehmen Protestvideos auf, schreiben Plakate und schicken sie an andere Leute, die sie in sozialen Medien posten sollen. Manche werden auch in Exil-TV-Kanälen ausgestrahlt.“ Gefährlich ist auch das, denn die Taliban beobachten Social Media und schalten oft das Internet ab. 

Alema ist überzeugt, dass sich Afghanistan nur von innen heraus verändern kann. Aber auch die Menschen hier müssten wissen, welchen Anteil Deutschland an der gescheiterten Intervention und an der erneuten Machtergreifung der Taliban hat. Um das aufzuarbeiten, setzte der Bundestag eine Enquetekommission ein, die Anfang 2025 ihren Abschlussbericht vorgelegt hat. Zudem gab es einen Untersuchungsausschuss des Bundestags: „Ich wurde dorthin eingeladen und habe vier Stunden lang über Fehler gesprochen“, erzählt Alema. „Ich glaube aber nicht, dass Deutschland daraus gelernt hat.“

Alema wirft der Bundesregierung Verantwortungslosigkeit vor

Das zeige sich auch am Verhalten der aktuellen Bundesregierung. „Wie Deutschland mit Schutzsuchenden aus Afghanistan umgeht, ist verantwortungslos.“ Die Liste ihrer Vorwürfe ist lang: dass man das Bundesaufnahmeprogramm im April eingestellt habe, dass man in Pakistan wartenden Afghanen Geld versprochen habe, damit sie nicht nach Deutschland kommen und dass nun sogar Talibanvertreter afghanische Botschaften und Konsulate in Deutschland leiten dürfen und Zugang zu den Daten von geflüchteten Afghanen bekommen. Sie kennt viele Leute, die verfolgt werden und sich nicht trauen, zum Konsulat zu gehen. 

Jeden Tag wünscht sie sich, nach Afghanistan zurückkehren zu können. Ein Problem sei, dass die Exilafghanen keinen Konsens finden – etwa über eine neue Übergangsregierung und eine neue Verfassung. „Ist nach fast fünf Jahren nicht die Zeit gekommen, die Einzelinteressen beiseitezulegen und mit einer Stimme zu sprechen?“, hat sie vor kurzem bei einer Konferenz der Exilafghanen in Belgien gefragt. 

Obwohl Alema schon so lange in Deutschland lebt, fühlt sie sich weiter als Exilantin. „Ich vermisse alles an meinem Land. Mein Herz schlägt für Afghanistan“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Also hofft und kämpft sie jeden Tag weiter für eine Zukunft ihres Landes ohne die Taliban. 

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erschienen in Ausgabe 4 / 2026: ... wenn man trotzdem lacht
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