Die Armen leben in der Hitze

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Ein junger Mann gießt eine Pflanze in einer Gasse einer Favela.
Danilo Ramos
Bei Hitze steigen in den brasilianischen Favelas die Temperaturen auf bis zu 45 Grad. Israel Joaquim dos Santos , auch genannt „Rael von den Pflanzen“, sorgt dafür, dass in Paraisópolis, der größten Favela von São Paulo, die engen Gassen grüner werden. Er mobilisiert die Nachbarschaft auch zum Müllsammeln und streicht Häuserwände, damit sich die Bewohner am Ende wohler fühlen.
Klimaanpassung in Brasilien
Zwischen den Favelas und den benachbarten, gehobenen Stadtvierteln in São Paulo betragen die Temperaturunterschiede bis zu 15 Grad Celsius. Fachleute und Gemeindevertreter setzen sich dafür ein, dass auch arme Viertel von Investitionen in Wohnraum, Parks und Baumbestand profitieren.

Zwischen engen Gassen und dicht aneinandergereihten Häusern arbeitet Israel Joaquim dos Santos daran, einen Traum zu verwirklichen: Der 36-Jährige will dafür sorgen, dass die Bewohner von Paraisópolis, der größten Favela von São Paulo, trotz klimawandelbedingt steigender Temperaturen ein besseres Leben führen können. Seit neun Jahren verbringt er viel Zeit damit, den öffentlichen Raum zu pflegen – etwa Müll zu beseitigen, Wände zu streichen und vor allem in engen Wegen und Gässchen Gärten anzulegen. Dadurch ist er in der Gemeinde inzwischen als „Rael das Plantas“ bekannt, als „Rael von den Pflanzen“.

„Ich habe ohne jegliche Mittel angefangen und in alten Eimern gepflanzt – immer mit der Absicht, Natur in die Gemeinschaft zu bringen, damit die Leute besser leben können“, sagt Rael. Niemand solle an einem Ort mit hohen Temperaturen und Müll auf den Straßen leben müssen; Pflanzen könnten dazu beitragen, das Wohlbefinden zu verbessern. Indem er Grün in die Gassen bringt und Nachbarn gegen den Müll mobilisiert, versucht er auch, mildere Sommer für die zu erreichen, die unter der stickigen Enge der Favela leiden. Die ist geprägt von viel Beton, wenig Bäumen und engen Straßen, die die Luftzirkulation behindern.

Rael lebt in Paraisópolis, seit er und seine Familie vor 31 Jahren aus dem Bundesstaat Pernambuco nach São Paulo gekommen sind. Nachdem er die Favela eine Weile ehrenamtlich verschönert hatte, erkannte die Gemeinschaft die Bedeutung seiner Arbeit.  Heute schließen sich Familien zusammen, um ihn für seine Reinigungs-, Maler- und Gartenarbeiten zu bezahlen. Daneben arbeitet er nachts als Wachmann und betreibt zu Hause ein kleines Pflanzengeschäft.

Hitze ist ein Indikator für soziale Ungleichheit 

Die kollektive Anstrengung macht deutlich, was angesichts der Klimakrise in allen Favelas von São Paulo nicht mehr zu übersehen ist: Hitze ist ein weiterer Indikator für soziale Ungleichheit geworden – je ärmer eine Gegend ist, desto heißer ist sie auch. „Früher gab es hier viele Bäume, und es fühlte sich an, als wären die Temperaturen milder. Im Laufe der Jahre, als immer mehr Häuser gebaut wurden, wurde es heißer“, sagt Rael.

Das ist nicht nur ein Gefühl. Satellitenbilder belegten das Phänomen im vergangenen Sommer laut einer Studie des Zentrums für Favelastudien (CEFAVELA), das der Bundesuniversität in der Region angegliedert ist. Die Studie beruht auf Daten aus 19 Wärmebildern, die der Satellit Landsat 8 zwischen Dezember 2024 und Februar 2025 aufgenommen hatte und mit denen die Temperaturen von Oberflächen wie Dächern, Straßen und dem Boden festgestellt wurden.

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Danach gab es bei diesen Oberflächentemperaturen Unterschiede von bis zu 15 Grad Celsius zwischen den Favelas und den benachbarten, gehobenen Stadtvierteln in São Paulo. Während im gehobenen Stadtteil Morumbi Temperaturen um die 30 Grad gemessen wurden, erreichten sie in der daran angrenzenden Favela Paraisópolis 45 Grad. Der Unterschied ist nicht auf Höhenlage zurückzuführen – die unterscheidet sich nicht nennenswert –, sondern darauf, dass Morumbi ein wohlhabendes Viertel mit viel Grün, großen Häusern und weitläufigen Gärten ist. In Heliópolis, einer anderen der bevölkerungsreichsten Favelas von São Paulo, stiegen die Temperaturen an den heißesten Tagen auf über 44 Grad.

Beton und Metalldächer speichern Wärme

„Diese Unterschiede sind das Ergebnis von Jahrzehnten der ungleichen Stadtentwicklung. Wohlhabende Stadtteile haben von Investitionen in Wohnraum, Parks und Baumbestand profitiert. Im Gegensatz dazu entstanden Favelas in gefährdeten Gebieten und ohne jede Planung“, erklärt Rohit Juneja, einer der Autoren der Studie. „Und viele Häuser dort sind aus Beton und haben Metalldächer, die die Wärme speichern.“

Laut der jüngsten Volkszählung des Brasilianischen Instituts für Geografie und Statistik von 2022 hat São Paulo etwa 11,5 Millionen Einwohner. Davon leben mehr als 1,7 Millionen in Favelas, die nur 4 Prozent des Stadtgebiets einnehmen, in denen sich aber mehr als 15 Prozent der Bevölkerung konzentrieren. In Capão Redondo, einem dicht besiedelten Stadtteil der Südzone von São Paulo, finden sich vier der zehn heißesten Favelas der Stadt: Drei erreichten laut der CEFAVELA-Studie mehr als 47 Grad Celsius, eine vierte 46,6 Grad. 

„Gerade wenn man denkt, man hätte eine Lücke für etwas Luftzug, baut ein Nachbar eine neue Mauer davor, um sein Haus zu vergrößern. Der Wind kann nicht durch die Gassen zirkulieren, die Häuser haben Aluminiumdächer, und so wird die Hitze nur noch schlimmer“, beklagt sich Tamires Pereira de Carvalho. Die 30-jährige ist Reinigungskraft und wohnt in Paraisópolis. In ihrem Haus läuft ständig der Ventilator, dennoch leiden sie und ihr zehnjähriger Sohn unter Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schlafstörungen. „An sehr heißen Tagen können wir nicht in der Küche sein, es ist dort einfach zu heiß. Mein Sohn hat wegen der Belastungen große Schwierigkeiten, sich auf seine Schularbeiten zu konzentrieren.“

Stadtplanung als Hitzeschutz

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass Temperaturen über 40 Grad ein ernstes Gesundheitsrisiko darstellen - besonders für Ältere, Kinder und Menschen mit Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, die besonders anfällig sind für Dehydrierung, Hitzschlag und die Verschlimmerung chronischer Krankheiten. Dazu kommt, dass der Betrieb von Ventilatoren und die Überlastung der Kühlschränke steigende Stromkosten verursachen, und die belasten Haushalte, die ohnehin schon am Rande des Existenzminimums leben, erheblich.

„Die Stadtplanung muss Hitzeschutz als grundlegenden Bestandteil der Wohnungs-, Infrastruktur- und Gesundheitspolitik behandeln. Investitionen sollten sich auf den Ausbau der Baumbedeckung und den Erhalt von Grünflächen konzentrieren, ebenso auf die Verbesserung von Dämm- und Dachmaterialien und die Auslegung der Straßen für Schatten und natürliche Belüftung“, betont Rohit Juneja. Viele Gebäude in Favelas werden allerdings informell errichtet, ohne Rücksicht auf die öffentliche Planung. Daher sind Strategien nötig, dort Wohnraum zu verbessern, Fassaden und Dächer zu begrünen, Bäume im öffentlichen Raum zu pflanzen und, wenn nötig, Familien in andere Gebiete umzusiedeln, wenn die Lebensbedingungen nicht verbessert werden können.

Rael arbeitet an begrünten Gassen in den Favelas 

Rael nutzt seine Leidenschaft für Pflanzen, um sein Leben und das in Paraisópolis zu verändern. Zwischen 2014 und 2017 war er in Haft – warum, möchte er nicht sagen – und arbeitete im Strafvollzug in der Gartenpflege. Nach seiner Entlassung stellte er fest, dass seine Gemeinde unter angehäuftem Müll und einem Mangel an Grünflächen litt, und beschloss, die Ärmel hochzukrempeln. Das hat Früchte getragen: Neun Jahre später gibt es in der Gegend bereits mindestens 50 saubere, gestrichene und begrünte Gassen.

Raels träumt davon, „vertikale Gärten an Wänden und auf Dächern anzulegen und auch einen Gemeinschaftsgarten, in dem Menschen gesunde Lebensmittel ernten können“. Damit das einmal geschehen kann, sucht er Sponsoren, die das Projekt finanzieren.

Gemeindevorsteher fordern Klimaanpassung in Gemeinden

Autorin

Sarah Oliveira Fernandes

ist Journalistin und Geografin in Brasilien. Sie berichtet über Menschenrechte und entwicklungspolitische Themen in Lateinamerika und Asien.
Grüne Korridore, Parks, Bäume, Gemeinschaftsgärten und nachhaltige Entwässerungssysteme können als natürliche Klimaanlage für Städte wirken: Sie können Temperaturen senken und die Widerstandsfähigkeit stärken, wie die CEFAVELA-Studie hervorhebt. Es ist jedoch entscheidend, dass öffentlich finanzierte Maßnahmen sicherstellen, dass diese Initiativen auch die ärmsten Stadtteile erreichen.

Um genau das einzufordern, haben Gemeindevorsteher aus mindestens 12 brasilianischen Favelas die Bewohner mobilisiert, Pläne für Risikominderung und Klimaanpassung in Gemeinden (portugiesische Abkürzung: PCRAs) zu erstellen. Das ist eine Initiative des nationalen Ministeriums für Städte, die Bewohner von Favelas aufruft, Risiken in ihren Stadtvierteln zu erfassen und in Zusammenarbeit mit Fachleuten Lösungen zu entwickeln. „Die Mobilisierung der Gemeinschaft ist für die PCRAs unerlässlich“, erklärt Vanessa Elias de Oliveira, Koordinatorin für Bildung und Wissensvermittlung bei CEFAVELA, einer Organisation, die die Bewohner bei der Ausarbeitung der Pläne unterstützt.

Die Favela Jardim Colombo, die zum Paraisópolis-Komplex gehört, hat bereits mit ihrem PCRA begonnen. Hitze wurde neben Sturzfluten und Erdrutschen als eine der stärksten im Alltag spürbaren Auswirkungen des Klimawandels identifiziert. Als Lösung wird eine Kombination vorgeschlagen von Baumpflanzungen, Beschattungsmaßnahmen, Trinkwasserstellen, Wohnraumverbesserungen und kleineren Vorhaben, um so die gefühlte Temperatur in dem Gebiet zu verändern.

Noch ist in der Stadtverwaltung niemand zuständig

„Es ist wichtig sicherzustellen, dass die Pläne vom Reißbrett in die Realität umgesetzt werden, und dafür sind öffentliche Mittel erforderlich. Damit Bauprojekte realisierbar werden, ist die Unterstützung der Stadtverwaltung ebenso nötig wie das Engagement der Gemeinschaft“, betont Vanessa. „Eine Lösung ist, Führungspersonen der Gemeinde einen Ausgleich zu zahlen, damit sie Komitees aufrechterhalten, gemeinsame Arbeit organisieren und die Regierung zu Verbesserungen drängen können.“

Der nächste Schritt wird sein, Treffen mit Behörden abzuhalten, um die Umsetzung in den Favelas einzufordern. Derzeit gibt es in der Stadtverwaltung niemanden, der für diese Initiativen verantwortlich ist – sie wurden bisher von Universitäten, Nachbarschaftsvereinen und dem Ministerium für Städte koordiniert.

Währenddessen bemüht sich Tamires, ihrem Sohn ein angenehmes Lernumfeld zu schaffen, und Rael träumt davon, Paraisópolis in eine „bewaldete Favela“ zu verwandeln. Er hofft und arbeitet hart daran, dass die Gemeinde Lösungen für die „thermische Ungleichheit“ entwickelt. Schließlich heißt Bekämpfung extremer Hitze nicht nur, die Temperaturen niedrig zu halten, sondern auch die Ungleichheit anzugehen, die sie in die Höhe treibt.

Aus dem Englischen von Bernd Ludermann.

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