Armut und Reichtum

Marén Gröschel

Knapp 700 Millionen Menschen müssen mit weniger als 2,15 US-Dollar täglich auskommen. Diese Zahl ist in der Corona-Krise wieder gestiegen, zugleich hat die Zahl der Milliardäre zugenommen. Dabei sollen laut den UN-Nachhaltigkeitszielen extreme Armut bis 2030 beseitigt und soziale Ungleichheit verringert werden. Beides ist nicht in Sicht – und das eine geht nicht ohne das andere. 

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Gut zu wissen

Armutsgrenze
Wer sind die Ärmsten und was würde ihnen helfen?
Alle Menschen sollen genug für ein würdiges Leben haben – das ist auch ein Hauptziel der Entwicklungspolitik. Da gab es seit 1990 große Fortschritte, vor allem dank des Wirtschaftswachstums in Ländern Asiens: 1990 war noch jeder dritte Mensch extrem arm, 2022 weniger als jeder zehnte. In großen Teilen Afrikas und in Indien sind die Fortschritte aber zu langsam – auch weil der Reichtum sehr ungleich verteilt ist.

Armut länderübergreifend zu messen, ist schwierig. Die meist benutzten Zahlen dazu erstellt die Weltbank. Als extrem arm gilt für sie jetzt, wer weniger Geld pro Tag zur Verfügung hat als den Gegenwert von 2,15 US-Dollar im Jahr 2017. Die Inflation und Unterschiede in der Kaufkraft von Land zu Land werden herausgerechnet, um die Angaben vergleichbar zu machen. Die meisten extrem Armen leben heute in Afrika südlich der Sahara oder in Südasien, ein großer Teil in fragilen Staaten oder Ländern im Bürgerkrieg.

Zweifel gibt es aber, ob die von der Weltbank angesetzte unterste Armutsgrenze angemessen ist. Sie entspricht etwa dem Mittel der nationalen Armutsgrenzen in den ärmsten Ländern. Aber grob die Hälfte der „extrem Armen“ lebt nicht dort, für sie müsste eine höhere Grenze für extreme Armut gelten. Zudem fallen Menschen, die knapp über der unteren oder mittleren Armutsgrenze leben, bei Krankheit, Unfällen oder Wetterschäden sehr leicht wieder darunter zurück. 

Das Einkommen ist auch kein ausreichendes Maß für Armut: Zugang zu freien Gütern und öffentlichen Diensten wie dem Gesundheits- und Bildungswesen beeinflussen den Lebensstandard stark. Die Universität Oxford hat daher einen Index der multidimensionalen Armut entwickelt, der das berücksichtigt. Danach sind noch über eine Milliarde Menschen multidimensional arm. Die Zahlen der Weltbank verleiten also dazu, das Problem zu unterschätzen.

Was Armut mindert und was sie verfestigt, ist im Grunde klar. Die Pro-Kopf-Einkommen in armen Ländern schnell und deutlich zu steigern, erfordert Wirtschaftswachstum – aber das genügt nicht. Entscheidend sind gezielte politische Schritte zugunsten armer Menschen. Dazu gehört der Ausbau der Sozialsicherung; Bargeldleistungen an Bedürftige sind wirksam, populistische Regierungen nutzen sie zunehmend. Wichtig ist, soziale Dienste wie das Bildungs- und Gesundheitswesen und Strom- und Wasserversorgung für Menschen mit wenig Geld zugänglich zu machen. 

Und es gilt, soziale Ungleichheit zu verringern. Wachstum hilft den Armen umso mehr, je mehr sie davon abkriegen. Die Ungleichheit hat in den jüngsten Jahrzehnten innerhalb vieler Entwicklungsländer zugenommen, darunter in Indien und China; in anderen ist sie gesunken. Ein Weg, sie einzudämmen, ist, soziale Dienste aus Steuern auf hohe Einkommen und auf Kapitalgewinne zu finanzieren. Das ist allerdings keine rein nationale Aufgabe: Nötig sind auch globale Regeln für Konzernbesteuerung und für einen fairen Umgang mit Staatsschulden sowie die Austrocknung von Steuerparadiesen, in denen Superreiche aus Nord wie Süd ihren Reichtum verstecken können.

Hintergrund

In Lateinamerikas Städten schotten Wohlhabende sich von den Armen ab – sei es in Rio de Janeiro, Caracas, Bogotá oder Buenos Aires. Die Mauer quer durch Perus Hauptstadt Lima ist zum Sinnbild dieser sozialen Segregation geworden.

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