Vom Krieg gezeichnet: Die Brüder Ahmed (links) und Eugene Gray – hier im Mai 2008 in Monrovia – haben schon als Zwölfjährige im liberianischen Bürgerkrieg gekämpft. Mit seinem Ende 2003 wurden sie arbeitslos und obdachlos.

Im Frieden hilft der General

Tausende junge Kämpferinnen und Kämpfer müssen nach einem Bürgerkrieg wieder einen Platz in der Gesellschaft finden. In Westafrika haben die Programme dafür wenig geholfen. Denn die Bindungen zwischen Soldaten und Kommandanten zu kappen, ist ein fragwürdiges Rezept.

Entwaffnung, Demobilisierung und Wiedereingliederung – ein Paket aus solchen Programmen bieten die Vereinten Nationen (UN) und die Staatengemeinschaft für Länder an, die bewaffnete Konflikte hinter sich haben. Bekannt ist es als DDR (Disarmament, Demobilization and Reintegration). Dazu gehört, ehemalige Soldaten in die Gesellschaft einzugliedern. Einer der entscheidenden Aspekte von DDR-Programmen ist, die Verbindungen zwischen den Rebellenführern und ihren Soldaten zu kappen, um diesen die Rückkehr ins normale Leben zu erleichtern und ihre erneute Mobilisierung zu erschweren. Wo Kriege zu Ende sind – und, da sie oft kein klares Ende haben, in den Grauzonen zwischen Krieg und Frieden – werden weltweit Millionen Dollar für solche Programme ausgegeben.

Autor

Mats Utas

ist Kulturanthropologe und leitet den Forschungsbereich Konflikt, Sicherheit und demokratische Transformation am Nordischen Afrika-Institut in Uppsala (Schweden). Er forscht vor allem zu Westafrika und Somalia.

Dabei ist jedoch ein zentrales Problem, dass man international selten genügend darüber weiß, wie sich die Dinge vor Ort abspielen. Und wenn es in den betreffenden Ländern überhaupt eine Regierung gibt, ist sie oft weder fähig noch willens, solche Projekte durchzusetzen. In Liberia und Sierra Leone ist die Wiedereingliederung der Kämpfer trotz aller von vielen Seiten unternommenen Anstrengungen bestenfalls Stückwerk geblieben und teilweise überhaupt nicht vorangekommen. Oft sind eigene, spontane Bemühungen der Ex-Kombattanten um ihre Integration in die Gesellschaft erfolgreicher als die formale DDR.

Bürgerkriege waren in Liberia und Sierra Leone in den frühen 1990er Jahren ausgebrochen. Rebellenorganisationen mit dünnen politischen Programmen bekämpften sich gegenseitig und natürlich die Regierungstruppen, die sich von denen der Rebellen nicht grundsätzlich unterschieden. Anfangs schlossen viele junge Leute sich Rebellen an, weil sie eine revolutionäre Veränderung erstrebten und die korrupte Oberschicht entmachten wollten. Doch bald merkten sie, dass die Führungsgruppen der Rebellen enge Verbindungen zur wirtschaftlichen und politischen Elite hatten und oft ganz ähnliche Ziele verfolgten wie die Machthaber. Beide Kriege dauerten etwa zehn Jahre.  Als sie endeten, musste eine große Zahl junger Männer (und  auch ziemliche viele junge Frauen), die oft nichts anderes kannten als den Krieg, demobilisiert und in die Gesellschaft integriert werden.

Oft geschieht das Wichtigste informell und unter der Hand

Oberflächlich betrachtet und nach der Darstellung der Regierungen von Liberia und Sierra Leone sieht es so aus, als sei es dank der Demobilisierungsprogramme gelungen, die inoffiziellen militärischen Netzwerke aufzulösen. Meine Forschungen zeigen aber, dass dies nicht der Realität entspricht. Es ist im Gegenteil offensichtlich, dass Politikern sowohl der Regierung als auch der Opposition viel daran liegt, die Bindungen zu Gruppen von früheren Kämpfern aufrechtzuerhalten und sogar auszubauen.

Auf den ersten Blick mag dies unlogisch erscheinen: Warum sollten Politiker im Frieden ein Interesse an Bewaffneten und an Netzwerken aus dem Krieg haben? Aber dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens haben sich diese Politiker während der Bürgerkriege nicht damit begnügt, dem Krieg zuzusehen und auf den Frieden zu warten, sondern viele unterhielten Verbindungen zu Rebellengruppen und nahmen zeitweise direkt Einfluss auf die Kämpfe. Zweitens vollzieht sich das Regieren in Liberia und Sierra Leone nicht allein im Rahmen der offiziellen staatlichen Strukturen, sondern vieles – oft das Wichtigste – geschieht informell und unter der Hand. Dafür müssen politische Führer Patronage-Netzwerke unterhalten; es ist entscheidend, dass sie eine Klientel pflegen, Menschen organisieren und sie unter Kontrolle haben. Dafür sind aus dem Krieg stammende Netzwerke sehr nützlich. Vor allem die Parteipolitik und das Gerangel um Macht folgen diesem Muster. Und so konnte man sowohl in Liberia als auch in Sierra Leone deutlich beobachten, dass ehemalige Rebellenführer während der Wahlen eine wichtige Rolle spielten.  

Drittens stützen sich unter anderem Geschäftsleute, Plantagenbesitzer und Großbauern auf informelle Netzwerke, um Arbeitskräfte zu rekrutieren und zu beaufsichtigen. Viele haben erkannt, dass es sich bewährt, für solche Aufgaben ehemalige Kommandeure der Rebellen- oder Regierungstruppen einzusetzen. Denn die wissen, wie man Menschen organisiert und sich dabei ihre Loyalität und ihren Respekt erhält.

erschienen in Ausgabe 10 / 2013: Landrechte: Auf unsicherem Boden

Neuen Kommentar schreiben