Syrische Flüchtlinge in Jordanien

Ein jordanischer Soldat begleitet syrische Flüchtinge, die Ende 2013 nahe der Stadt Ruweished über die Grenze gekommen sind.

Syrische Flüchtlinge in Jordanien

Schwierige Gastfreundschaft

Viele Syrer fliehen vor dem Krieg nach Jordanien. Dort sind die Menschen sehr hilfsbereit. Doch die Spannungen zwischen Flüchtlingen und Einhei­mischen wachsen.

Es war eine ruhige Nacht in Irbid. Nur drei völlig erschöpfte Syrer wurden an der Grenze von jordanischen Soldaten aufgegriffen und zur Behandlung ins Krankenhaus der Provinzstadt gebracht. Am Morgen erwacht die Stadt dann wieder zu ihrem normalen Leben. Irbid mit seinen 650.000 Einwohnern ist eine quirlige Universitäts- und Verwaltungsstadt. Es gibt viel Verkehr, noch mehr Geschäfte und mittags bevölkern Scharen von Studentinnen und Studenten die internationalen Fastfood-Ketten.

Bis nach Daraa, der syrischen Kleinstadt, in der die Proteste gegen Präsident Baschar al-Assad 2011 begannen, sind es nur etwa 30 Kilometer. Knapp hinter den letzten Ausläufern von Irbid verläuft am Fluss Yarmouk die Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen dem sicheren Hafen Jordanien und dem vom Bürgerkrieg zerfleischten Nachbarland.

Autorin

Claudia Mende

ist freie Journalistin in München und ständige Korrespondentin von „welt-sichten“. www.claudia-mende.de

Inam hat es geschafft. Vor neun Monaten ist die 30-Jährige hochschwanger mit ihren vier Kindern aus Daraa über die Grenze geflüchtet. Ihre Jüngste musste sie damals tragen. Ehemann Bilal, ein ehemaliger Regierungssoldat, konnte erst später nachkommen. Das Haus der Familie war bei einem Bombenangriff von Assads Armee zerstört worden. Jetzt hofft Inam, dass ihre Kinder gesund durch den Winter kommen. Die Familie lebt in einem einfachen Haus aus Beton und zahlt umgerechnet etwa hundert Euro Miete im Monat, inklusive Strom und Wasser. Es gibt zwar einen mit Gas betriebenen Heizofen, aber noch keine Patronen dafür. Die drei älteren Kinder haben Winterkleidung bekommen, aber die beiden jüngsten besitzen noch nicht einmal feste Schuhe. Bilal findet gelegentlich Arbeit auf Baustellen, sonst ist die Familie auf die Zuwendungen des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) angewiesen. Sie sind in Sicherheit und dankbar dafür. Ihre jordanischen Nachbarn helfen mit Decken und Kinderkleidung, „aber wir wollen so bald wie möglich zurück nach Syrien“.

Die Grenze zwischen Syrien und Jordanien markiert eine künstliche Trennlinie. Sie geht auf das geheime Sykes-Picot-Abkommen zwischen den Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich aus dem Jahr 1916 zurück. Ethnisch, kulturell und sprachlich sind die Menschen auf beiden Seiten eng verwandt. Es gibt viele familiäre Bande über die Grenze hinweg. Auch Inam hat Familie auf der jordanischen Seite. Für die Jordanier im Grenzgebiet sei es bisher selbstverständlich, ihre Verwandten aus Syrien aufzunehmen, erzählen die Leute. Es gibt viele Geschichten über die große Hilfsbereitschaft der Jordanier.

Auf dauerhafte Bleibe nicht vorbereitet

Doch der Druck auf Jordanien wächst, weil der Strom der Flüchtlinge anhält und ein Ende der Syrienkrise nicht in Sicht ist. Niemand ist darauf vorbereitet, dass die Flüchtlinge dauerhaft bleiben. Im August 2013 waren beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen bereits mehr als 500.000 Syrer offiziell registriert, davon leben etwa 120.000 im Lager Zaatari, dem zweitgrößten Flüchtlingscamp der Welt. Alle anderen sind bei Freunden oder Verwandten untergekommen, leben zur Miete oder in Behelfsunterkünften, viele davon im Norden des Landes und in der Hauptstadt Amman, aber mehr und mehr auch im Süden. Wie viele Syrer sich zudem illegal in Jordanien aufhalten, ist nicht bekannt. Laut Schätzungen sind es noch einmal mindestens genauso viele wie offiziell registriert. Dann hätte das kleine Jordanien mit seinen sechs Millionen Einwohnern 1,3 Millionen Flüchtlinge aufgenommen.

Die staatlichen Dienste geraten unter Druck. In manchen Nächten kommen bis zu 50 hilfsbedürftige Syrer über die Grenze. 4500 Syrer habe man 2013 im Krankenhaus von Irbid behandelt, berichtet Distrikt-Gouverneur Badr al-Qadi. Die Mittel für Personal und Ausstattung seien nicht aufgestockt worden. Die Flüchtlinge angemessen zu versorgen, „geht weit über unsere Möglichkeiten hinaus“, klagt er.

erschienen in Ausgabe 2 / 2014: Neue Helden der Arbeit

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