Verfolgte Christen
Verfolgte Christen

Munition für die Polarisierer

Das evangelikale Hilfswerk Open Doors betreibt mit seinem Bericht über verfolgte Christen methodisch fragwürdigen Lobbyismus, meint Katja Dorothea Buck.

 Katja Dorothea Buck ist Religionswissen- schaftlerin und Journalistin in Tübingen.Privat

Religion ist ein heikles Thema. Und Zahlen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Mit beidem lässt sich sehr gut Politik machen. Und das tut Open Doors. Das Hilfswerk mit seinem deutschen Sitz in Kelkheim will den verfolgten Christen in aller Welt eine Stimme geben – ein hehres Ziel. Auf den 691 Seiten des jüngst erschienenen Weltverfolgungsindex (WVI) erfährt man auch viel über die Lage von Christen in den 50 Ländern des Open-Doors-Rankings der Verfolgerstaaten. Was aber in Indien, Eritrea oder China mit anderen religiösen Minderheiten passiert, ist den Verfassern nur wenige Zeilen wert. So finden sich zu China 21 Seiten über Schikanen gegen Christen. Der Hinweis auf die Situation der muslimischen Uiguren könnte dagegen kürzer kaum sein. 

Sicher muss kritisiert werden, wenn Christen gezwungen werden, Kreuze und christliche Bilder in ihren Wohnungen gegen Fotos des Präsidenten Xi Jinping auszutauschen oder wenn sie ihre Gottesdienste nicht feiern dürfen. Doch was ist mit der ständigen Angst muslimischer Uiguren vor Arbeits- oder Umerziehungslager? Laut Menschenrechtsorganisationen wird schätzungsweise eine Million von ihnen teils seit Jahren in solchen Lagern gefangen gehalten, nur weil sie zum Beispiel nach Mekka gepilgert waren oder ihr Restaurant im Ramadan geschlossen hatten. Open Doors betont dagegen noch Anfeindungen, denen zum Christentum konvertierte Uiguren – ja, die gibt es – seitens ihrer muslimischen Familien ausgesetzt sind – und brandmarkt so die Opfer staatlicher Verfolgung als Täter. 

Open Doors entgegnet, man habe nicht den Anspruch, das gesamte Bild einer Konfliktsituation darzustellen; man sei keine Menschenrechtsorganisation, sondern ein christliches Hilfswerk. Anders formuliert: Es geht nicht um die Religionsfreiheit für alle, sondern nur um die der Christen. Das ist klassischer Lobbyismus. 

Die Zahlen sind nur Schätzungen 

Zudem geht Open Doors mit Zahlen recht großzügig um. Lange hieß es, 200 Millionen Christen weltweit seien verfolgt. Als Journalisten 2012 kritisch nachhakten, wo diese denn alle leben würden, korrigierte das Werk die Zahl nach unten und sprach nur noch von 100 Millionen verfolgten Christen. Ab 2016 waren es auf einmal wieder 200 Millionen, 2020 dann 260 Millionen und dieses Jahr sollen es 309 Millionen Christen sein, „die einem sehr hohen bis extremen Maß der Verfolgung ausgesetzt sind“. Wie es zu diesem enormen Anstieg in den letzten zwei Jahren gekommen ist, wird mit Verweisen auf die zunehmenden Einschränkungen der Religionsfreiheit und auch mit Covid19 erklärt. Christliche Minderheiten würden bei Corona-Hilfen vielerorts benachteiligt. 

Mit den markanten Zahlen will Open Doors Aufmerksamkeit erzeugen und „Politikern und Medienleuten etwas an die Hand geben, mit dem sie umgehen können“, wie es vor einigen Jahren ein Sprecher des Werkes selbst zugab. Natürlich seien das nur Schätzungen. Dass man bei der Darstellung gesellschaftlicher Phänomene wie Religion und Glaube keine exakten Zahlen vorweisen kann, ist normal. Die Soziologie spricht in diesem Zusammenhang von weichen Faktoren. Aus denen versucht Open Doors aber nun harte Fakten zu machen. 

Aufgeweichter Verfolgungsbegriff 

Deshalb lohnt ein Blick in die Methodik des Berichts. Dort heißt es, bei der Berechnung der Zahl verfolgter Christen lehne man sich „an die international gebräuchliche Definition des UNHCR“ an. Die aber besagt, dass nur die Christen als verfolgt bezeichnet werden dürfen, die wegen ihres Glaubens um Leben oder Freiheit fürchten müssen. Dass dies niemals 309 Millionen sein können, gibt auch Open Doors zwischen den Zeilen zu. Das Werk folgt einer „eher theologischen“ Definition, die „jegliche Art von erlebter Anfeindung aufgrund der Identifikation einer Person mit Christus“ einschließt. Statt „theologisch“ könnte man da auch „individuell gefühlt“ sagen. Nach diesem aufgeweichten Verfolgungsbegriff dürften sich auch muslimische Frauen in Deutschland als verfolgt bezeichnen, die wegen ihres Kopftuchs blöd angemacht werden. 

Open Doors muss sich die Frage gefallen lassen, ob die einseitige Fokussierung auf das eigene Klientel am Ende nicht den Polarisierern dieser Welt in die Hände spielt. Die Universalität der Menschenrechte sollte allen, die in diesem Bereich arbeiten, als höchstes Gut gelten. Für christliche Solidarität müssen andere Wege gefunden werden. 

Kommentare

Mit dem Weltverfolgungsindex will Open Doors verfolgten Christen eine Stimme geben. Die Autorin des Artikels steht diesem Ansatz grundsätlich ablehnend gegenüber. Sie wünscht sich einen Index, der das Verfolgungsgeschehen gegenüber allen religiösen Gruppen erfasst. Die Argumentation im Artikel ist auf diesen Wunsch aufgebaut und führt zu Aussagen wie "Lobbyismus" und "einseitige Fokussierung auf das eigene Klientel".

Zudem wählt die Autorin einen rein menschenrechtlichen Ansatz. Im Rahmen der Diskriminierung und Verfolgung von Christen wird zweifelsohne deren Recht auf Religionsfreiheit verletzt, sogar massiv verletzt. Open Doors geht es jedoch nicht primär um die Verletzung von Menschenrechten - auch wenn diese im Blick behalten werden - sondern darum, die Situation von Christen in den 50 Ländern des Weltverfolgungsindex zu dokumentieren und aufzuzeigen.

Die Verfolgung und Diskriminierung von Christen wird von Open Doors systematisch erfasst. Die von der Autorin monierten "Schätzungen" scheinen eine Willkürlichkeit der veröffentlichten Zahlen suggerieren zu wollen. Dem ist entgegenzuhalten: Zum einen gibt es Databases, welche die Anzahl der Christen in den betroffenen Ländern erfassen. Zum anderen steht Open Doors in den betroffenen Ländern durch ein über viele Jahre gewachsenes Netzwerk mit den einheimischen Kirchen sowie mit Experten (unterschiedlicher beruflicher Hintergründe) im Austausch. Die Kirchen und weitere Quellen teilen mit, in welchen Regionen Christen in welcher Weise und Härte und Häufigkeit von Diskriminierung und Verfolgung betroffen sind. So kann eine "Einschätzung" des Verfolgungsgeschehens und der etwaigen Anzahl der Betroffenen vorgenommen werden.

Der Artikel selbst wirkt wie eine Bemühung um Polarisierung, die herbeigeredet wird. Jedoch nicht von Open Doors.
Aus den zahlreichen Veröffentlichungen des Hilfswerks geht hervor, dass
a) die von Verfolgung und Diskriminierung betroffenen Christen in großer Mehrheit den Worten von Jesus folgen: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und "Liebt eure Feinde". Sie - und ihre Kirchen vor Ort - sind in vielen Ländern die Stimme der Versöhnung, die zum friedlichen Zusammenleben aller Menschen im Land aufruft und Menschen aller Religionen im Land dient mit Fürsorge sowie materieller und geistlicher Unterstützung.
Und b) äußerst sich Open Doors an keiner Stelle diskriminierend gegenüber anderen Religionsgruppen.

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