Indonesien
 Mit ihrer selbst kreierten Mode und den improvisierten Modenschauen will Jakartas Jugend auf sich aufmerksam machen und ihren Platz in der indonesischen Gesellschaft beanspruchen.

Bay Ismoyo/AFP via Getty Images

Indonesien

Der Laufsteg auf Jakartas Straßen

Wer jung ist und wenig Geld hat in Indonesiens Hauptstadt Jakarta, hat nicht viel zu melden. Einige Jugendliche aus ärmeren Vororten wollen das ändern und präsentieren deshalb sich selbst und ihre Klamotten im Herzen der Stadt. Die Modenschau auf dem Zebrastreifen ist mittlerweile ein Medienereignis.

Seit Anfang Juli dieses Jahres ist der Dukuh Atas Park im Herzen des Geschäftsviertels Sudirman in der indonesischen Hauptstadt Jakarta voll mit jungen Leuten. Vom späten Nachmittag bis in den Abend hinein nutzen prachtvoll gekleidete Teenager einen Zebrastreifen als Laufsteg, auf dem sie eine Do-it-yourself-Modenschau kreieren: die „Citayam Fashion Week“.

Citayam ist ein Viertel am Rand von Jakarta, eine Zugstunde südlich vom Dukuh Atas, zwischen den Vororten Depok und Bogor. Die Citayam Fashion Week heißt so, weil die meisten der Jugendlichen, die im Dukuh Atas abhängen, aus weniger wohlhabenden Vororten Jakartas wie etwa Depok und Bogor kommen. Ihren Anfang nahm die Citayam Fashion Week Ende Juni dieses Jahres, als Interviews mit einigen der Jugendlichen auf der Video-Plattform TikTok viral gingen. Das ungewöhnliche Gespür der Teenager für Streetstyle, ihre unbekümmerte Einstellung und der witzige Slang sorgten für mitreißende Posts in den sozialen Medien. Diese wiederum weckten die Aufmerksamkeit weiterer Jugendlicher sowie der Mainstream-Medien – und schließlich auch von Politikern.

In den Medien wurde der Dukuh Atas irgendwann „das neue Harajuku“ genannt, eine Anspielung auf das Viertel in Tokio, das für seine Jugendkultur und seinen auffälligen Streetstyle bekannt ist. Bald hängten sich auch Promis, Profi-Models, Content Creators und Politiker an die Berichterstattung und schufen ihre eigenen Inhalte, um Benutzer anzulocken und die Jugendlichen mit einer Botschaft zu unterstützen. Jakartas Gouverneur Anies Baswedan sagte, die Stadtverwaltung werde die jungen Leute nicht daran hindern, sich in dieser Gegend zu versammeln. Nach einem formalen Treffen lud er sogar den EU-Botschafter in Indonesien, den Vizepräsidenten der Europäischen Investitionsbank und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein, in ihrer Geschäftskleidung über den Zebrastreifen im Dukuh Atas zu stolzieren. Allerdings trafen sie nicht ganz den eigenwilligen ursprünglichen Streetstyle, der einen wesentlichen Aspekt dieses Trends ausmacht.

Knotenpunkt von Klassenproblemen

Es gab jedoch nicht nur Unterstützung. Viele Kritiker beschwerten sich darüber, dass die Jugendlichen in der Gegend herumlungerten, Müll hinterließen und Verkehrsstaus verursachten. Letztlich haben die Citayam Fashion Week und die sich daraus ergebenden Spannungen einige der tiefgreifenden Klassenprobleme offengelegt, mit denen Jakarta und seine Einwohner konfrontiert sind.

Autorin

Asri Saraswati

ist Assistenzprofessorin für Anglistik und Amerikanistik an der Universität von Indonesien. Sie unterrichtet zu amerikanischer Literatur und Gesellschaft sowie Rasse, Geschlecht und Ethnizität. Dieser Artikel ist zuerst im Blog „Indonesia at Melbourne“ der Universität Melbourne erschienen.
Jalan Sudirman ist Teil des sogenannten „Goldenen Dreiecks“, einer Gegend, die zu Jakartas zentralem Geschäftsviertel gehört. Als Vorbereitung für die Asienspiele 2018 verschönerte die Stadtverwaltung das Sudirmanviertel, indem sie Fußwege wiederherstellte, Parkbänke aufstellte und komfortable Bushaltestellen und moderne Fußgängerbrücken baute. Jetzt bietet Jalan Sudirman ein steriles Bild von Jakarta als einer sicheren modernen Metropole, das vermutlich zu einer ähnlichen Urbanisierung in anderen Landesteilen anregt.

Genau in der Mitte von Jalan Sudirman liegt der Verkehrsknotenpunkt Dukuh Atas, wo Regionalbahnen aus den Vororten von Jakarta (Bekasi, Depok und Bogor) mit zahlreichen TransJakarta-Buslinien (einer anderen erschwinglichen Option für Pendler aus den Vororten, Jakartas Geschäftsviertel zu erreichen) zusammenkommen, darunter die neue, teurere U-Bahnlinie Jakarta MRT, die 2019 ihren Betrieb aufgenommen hat, sowie die BNI City Station, die mit dem Flughafen verbunden ist. 

Mindestlohnverdiener und Mittelschichtler treffen aufeinander

Verschiedene Gesellschaftsschichten treffen in Dukuh Atas aufeinander – Mindestlohnverdienerinnen und -verdiener, die in Vororten leben, und Büroangestellte aus der Mittelschicht, die zu ihren Arbeitsstellen rund um Jalan Sudirman fahren oder versuchen, den nächsten Zug oder Bus nach Hause zu bekommen. Im August 2019, etwa zu der Zeit, als die Jakarta MRT in Betrieb genommen wurde, gestaltete die Stadtverwaltung die Gegend um Dukuh Atas zu einem öffentlichen Park um. Sie sperrte eine Straße und verwandelte sie in eine von Wandbildern eingefasste Fußgängerzone, baute einen Skaterpark und bewarb diesen Raum als für alle offen. 

Städtisches Leben wird zwar oft mit Glanz und Erfolg assoziiert, aber ein Forschungszentrum an der Universität von Jakarta, das sich für die Rechte Jugendlicher einsetzt, fand zusammen mit dem UN-Kinderhilfswerk Unicef heraus, das junge Leute in der Stadt selten in Entscheidungen eingebunden und oft von Erwachsenen ignoriert werden. Dabei sehnen sie sich danach, beteiligt und gehört zu werden. In einem Nachrichtenbeitrag hieß es, der Gouverneur von Jakarta, Anies Baswedan, befürworte die Citayam Fashion Week, weil er glaube, sie könne junge Leute dazu bewegen, eines Tages in der Stadt Arbeit zu suchen – ein Hinweis darauf, dass man sie erst schätzt, wenn sie erwachsen und Teil der erwerbstätigen Bevölkerung werden.

Bei der Citayam Fashion Week geht es hingegen darum, dass Jugendliche ihren starken Wunsch und ihre Fähigkeit zum Ausdruck bringen, das städtische Umfeld auf ihre eigene Weise zu durchdringen. Außerdem ist sie ein deutliches Zeichen für den Hunger nach freien Flächen im überfüllten Großraum Jakarta, eine Folge schlechter Stadtplanung in Gegenden wie Depok, die jungen Leuten keinen Raum zur Selbstverwirklichung lässt. Die Viertel am Stadtrand sind dicht bevölkert und bieten nur selten öffentliche Bereiche, die frei und allgemein zugänglich sind. Die Teenager der Citayam Fashion Week verändern Sudirman gerade in vielerlei Hinsicht: Die Abkürzung SCBD, die sich normalerweise auf den „Sudirman Central Business District“ bezieht, wo Jakartas Börse und wichtige Tech- und E-Commerce-Unternehmen ihren Sitz haben, steht nun für „Sudirman, Citayam, Bojonggede und Depok“; Bojonggede ist ein Viertel in der Nähe von Citayam.

Eine flüchtige Inbesitznahme öffentlichen Raums

Ebenso verhält es sich mit dem Begriff „Anak SCBD“ (SCBD-Kinder), mit dem anfangs die wohlhabenderen Millennials und Büroangestellten, die im SCBD arbeiten, gemeint waren. Jetzt dient er als Spitzname für die Teenager, die sich am Dukuh Atas versammeln. Die Aneignung des Begriffs ist ein humorvoller Hinweis auf das förmliche und profitorientierte Image von Jakarta, aber ebenso ein emotionaler Ausdruck für den Wunsch der jungen Leute, Teil der Stadt zu sein, in der Bewohner mit niedrigeren Einkommen an den Rand gedrängt werden. 

Diese Sehnsucht, zur städtischen Landschaft zu gehören, nimmt eine konkrete Form an, denn die Teenager beherrschen den Zebrastreifen am Dukuh Atas, indem sie Autos und Motorräder zum Anhalten veranlassen und ihre Ansprüche auf die Stadt deutlich machen. Dennoch ist diese Inbesitznahme öffentlichen Raums nur flüchtig. Am Ende des Tages brauchen sie eine Stunde mit dem Zug nach Hause und ihre Bemühungen schlagen sich lediglich in kurzlebigen Posts in sozialen Medien nieder.

Indem sich die jungen Leute den Dukuh Atas als einen Ort zu eigen machen, an dem sie abhängen und stolz ihren Streetstyle zeigen, erheben sie einen Besitzanspruch auf den öffentlichen Raum und drücken sich mit ihren begrenzten Mitteln aus. Für ihre Kreativität haben sie Beifall bekommen: Sie haben markenlose Kleidung genommen, die sie in Geschäften und Basaren fanden, Geliehenes von Altersgenossen und Abgelegtes von Verwandten, billige Imitate und Make-up einer lokalen Marke und einfach alles kombiniert. Berühmt wurden die Teenager vor allem wegen ihrer frechen kostengünstigen Bearbeitungen von Markenmode. Kritiker haben ihre Mode jedoch als „billig“ verspottet, was die tiefen Klassen- und Einkommensunterschiede offenbart, die das moderne Jakarta kennzeichnen.

Während die Citayam Fashion Week an Popularität zunahm und Social-Media-Stars versuchten, sich ihr anzuschließen, entfernte sie sich mehr und mehr von dem basisorientierten Denken, das sie überhaupt erst populär gemacht hat. Mehrere Content Creators gaben kürzlich zu, mit der Billigung von Modemarken deren Ware im Dukuh Atas vorzuführen.  

Die Stadt sollte mehr für Jugendliche aus den Vororten tun

Der Stadtrat diskutiert nun darüber, die Citayam Fashion Week in eine andere Gegend von Jakarta zu verlegen oder nur an Wochenenden zu erlauben, da sie zu Verkehrsbehinderungen geführt hat; im August gab es sie aber noch. Mehrfach wurde auch von Teenagern berichtet, die auf Gehwegen schliefen, nachdem sie den letzten Zug nach Hause verpasst hatten, und dann als Störung bezeichnet wurden. Erwartungsgemäß kündigten einige Mitglieder des Stadtrats an, sie würden zum Schutz der jungen Leute gegen männliche Teenager in Frauenkleidung vorgehen und ihnen etwa Beratung anbieten. 

Hoffentlich trägt die Popularität der Citayam Fashion Week dazu bei, dass die Öffentlichkeit die Sehnsüchte junger Menschen besser versteht und ihren Wert jenseits der Teilnahme am Arbeitsleben sieht. Zudem sollte das Phänomen dem Stadtrat als Mahnung dienen, dass die Stadt selbst dringend mehr inklusive öffentliche Flächen braucht und viel mehr für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Jugendlichen tun sollte, die in den Vororten in prekären Verhältnissen leben.

Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller.

erschienen in Ausgabe 10 / 2022: Handgemacht und maßgeschneidert

Neuen Kommentar schreiben

Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!
welt-sichten“ schaut auf vernachlässigte Themen und bringt Sichtweisen aus dem globalen Süden. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Warum denn das?
Ja, „welt-sichten“ ist mir etwas wert! Ich unterstütze es mit
Schon 3 Euro im Monat helfen
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!