Pandemiebekämpfung
 Kerala hat seine Bevölkerung schneller mit Impfstoff versorgt als die meisten anderen Bundesstaaten Indiens; in der Stadt Kozhikode werden im Juli 2021 Arbeiter geimpft.

C. K Thanseer/DeFodi images via Getty Images

Pandemiebekämpfung

Wo der Norden vom Süden lernen kann

Die Corona-Pandemie hat alle Regionen der Welt getroffen, die Staaten haben aber sehr verschieden reagiert. Einige Regionen und Länder im globalen Süden konnten das Virus außer­ordentlich gut eindämmen. 

Die Regierungen vieler Länder schränkten während der Pandemie die Bewegungsfreiheit ein und verhängten Lockdowns. In den Ländern des globalen Nordens kamen in der Folge rasch Corona-Testprogramme, Arbeiten im Homeoffice, Onlineschulunterricht und finanzielle Entlastungsprogramme für Unternehmen und Einzelpersonen. Wichtiger noch: Bereits Ende 2020 standen Impfstoffe und nicht viel später auch Auffrischungsimpfungen für alle zur Verfügung. 

In vielen Ländern des globalen Südens dagegen waren Covid-19-Testkits ebenso knapp wie qualifizierte Pflegekräfte, Krankenhausbetten und Beatmungsgeräte; Impfstoffe wurden erst viel später bereitgestellt. Lockdowns legten die Wirtschaft lahm, Menschen, die im informellen Sektor arbeiteten, verloren ihre Jobs, Kinder konnten die Schule länger nicht besuchen, hatten aber auch keinen Zugang zu digitalen Lernplattformen. Familien kämpften mit Hunger, verloren ihre Ersparnisse und kamen in enorme finanzielle Schwierigkeiten. Während man im Norden vor allem mit der Zahl der pandemiebedingten Todesfälle kämpfte, waren es im Süden die sozioökonomischen Folgen der Pandemiebekämpfung, die die Bevölkerung oft stärker trafen als das Virus.  

Manchen Regionen und Ländern im globalen Süden gelang es außerordentlich gut, das Virus einzudämmen und die Zahl der Todesfälle niedrig zu halten – eine beachtliche Leistung angesichts mangelnder Ressourcen. Warum aber erfährt man so wenig über diese Erfolge und Lektionen?

 welt-sichten

Ich bin in Indien geboren und aufgewachsen und arbeite derzeit als Forscherin zu globaler öffentlicher Gesundheitsfürsorge an einer Universität in Großbritannien. Meine Erfahrungen in diesen beiden Ländern ermöglichen es mir, eine Brücke zwischen dem globalen Norden und Süden zu schlagen, den internationalen Umgang mit der Corona-Pandemie zu erforschen und daraus zu lernen. Regionen und Länder Afrikas, Lateinamerikas, Süd- und Ostasiens haben Covid-19 wirksam bekämpft, trotz begrenzter Ressourcen. Dabei waren fünf Faktoren ausschlaggebend.

Schneller als das Virus

Zunächst einmal war es wichtig, frühzeitig zu handeln. Die Weltgesundheitsorganisation hat den südindischen Bundesstaat Kerala wegen seiner frühzeitig ergriffenen Vorsichtsmaßnahmen als Beispiel für andere Länder herausgestellt. Kerala hatte nach den Überschwemmungen von 2018 und dem Ausbruch des Nipahvirus im Jahr 2019 in Notfallmaßnahmen investiert. Kurz nachdem K.K. Shailaja, die Gesundheitsministerin von Kerala, von dem neuen Virus in China gelesen hatte, trommelte sie ihren Krisenstab zusammen und ließ für die Ärzte in allen 14 Bezirken des Bundesstaates Aktionspläne aufstellen. Screening an allen Einreisehäfen, Tests sowie eine intensive, von den Gemeinden selbst geleitete Kontaktverfolgung und Quarantäne hielten das Virus in Schach. Während der zweiten Welle mit der ansteckenderen Deltavariante konnte Kerala mit einem Überschuss an Sauerstoff aufwarten, während andere indische Bundesstaaten mit akutem Mangel zu kämpfen hatten: Die Regierung von Kerala steigerte die bestehende Sauerstoffproduktion, genehmigte neue Produktionsanlagen, funktionierte industrielle Sauerstoffflaschen für medizinische Zwecke um und erhöhte die Zahl der Krankenhausbetten mit Sauerstoffanschluss.

Autorin

Genevie Fernandes

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Programms zu globaler Gesundheitspolitik am Usher Institute der Universität Edinburgh.
Auch Länder wie der Senegal, Uganda und Uruguay handelten bereits zu einer Zeit, als einige einkommensstarke Länder noch darüber diskutierten, ob Maßnahmen gegen Corona wirklich angebracht seien. Im März 2020 verboten sie Massenversammlungen und öffentliche Veranstaltungen, schlossen überfüllte öffentliche Plätze sowie Schulen und führten eine Maskenpflicht ein, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Uruguays Epidemiologen konnten so die Ausbrüche frühzeitig erkennen und die Übertragungsketten unterbrechen. Im Senegal wurden rasch Feldhospitäler errichtet, und die staatlichen Einsatzteams arbeiteten mit Freiwilligen des Roten Kreuzes zusammen, um Hotels in Isolierzentren umzuwandeln. 

 welt-sichten

Einsatzzentralen in jedem Bezirk

Der zweite Faktor ist entschlossene Führung. Im März 2020 war Uruguays Präsident Luis Lacalle Pou noch keine zwei Wochen im Amt – und schob dennoch sofort ein koordiniertes Vorgehen gegen Covid-19 an. Der Ministerpräsident von Kerala, Pinarayi Vijayan, war jeden Tag in nationalen Fernsehkanälen und auf Onlineplattformen präsent, um über die Lage zu informieren und dafür zu werben, sich durch Maskentragen und Händewaschen zu schützen. Die Regierungen von Kerala, Ruanda, Vietnam und Uruguay richteten ressortübergreifende Ausschüsse und Taskforces ein, um die Reaktion auf Covid-19 zu koordinieren.

Das dezentralisierte Modell von Mumbai, einer Stadt im Westen Indiens, hat sich als hochwirksam erwiesen, um die Virusübertragung zu bremsen und die Zahl der Corona-Todesfälle in einer Metropole mit 22 Millionen Einwohnern zu verringern. Mumbai ist verwaltungstechnisch in Bezirke unterteilt. In jedem Bezirk wurde eine Covid-19-Einsatzzentrale eingerichtet, die in Echtzeit Fälle überwachte, Krankenhausbetten ausfindig machte und sich auch um Dinge wie Tests, Hygienemaßnahmen und häusliche Isolation kümmerte. Diese „War Rooms“ genannten Einsatzzentralen wurden zur ersten Anlaufstelle für Patienten. Solche schnellen Reaktionssysteme funktionierten vor allem deswegen, weil in Kerala und Mumbai ebenso wie in Ruanda, Uruguay und Vietnam schon zuvor in das öffentliche Gesundheitssystem investiert worden war.

Die Gemeinden als Rückgrat der Corona-Bekämpfung

Der dritte Faktor ist Engagement und Beteiligung der Gemeinschaft. Complexo da Maré ist ein Favela-Komplex mit 140.000 Einwohnern. In dieser bevölkerungsreichen Slumsiedlung von Rio de Janeiro, Brasilien, haben sich Gemeindevorsteherinnen als Rückgrat der Corona-Schutzmaßnahmen erwiesen. Sie riefen ein Verpflegungsprogramm ins Leben, das täglich 500 Mahlzeiten für Menschen bereitstellte, die durch den Lockdown in Not geraten waren. Sie verteilten Lebensmittelkörbe und Hygieneartikel an bedürftige Familien. Sie starteten ein Programm zum Nähen von Masken und sammelten Schutzausrüstungen für die im Gebiet tätigen medizinischen Fachkräfte. Schließlich betrieben die Gemeindevorsteherinnen auch einen Gesundheitsberatungsdienst per E-Mail und Whatsapp sowie ein Hilfetelefon für Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt waren. 

Im Senegal arbeiteten „Badienou gokhs“, vertrauenswürdige Frauen aus der Nachbarschaft, und auch Gemeindevorsteher mit dem Gesundheitspersonal zusammen. In enger Kooperation verfolgten sie Kontakte und überzeugten Menschen, sich testen zu lassen und sich zu isolieren. Eine Badienou gokh, Amy Gningue aus Yeumbeul, einem Außenbezirk von Dakar, sagte: „Ich zwinge den Leuten nichts auf. Wenn ich jemanden sehe, der keine Maske trägt, gehe ich respektvoll auf ihn zu und frage ihn, warum. Denn ich weiß, dass diese Person ohne Maske in Gefahr ist.“

Bei der „Operation Save the Neighbour“ in Ruanda wurden die Geostandorte von Patienten und Ärzten kartiert. Dann brachte man die Ärzte mit Gesundheitshelfern aus den Gemeinden zusammen, die die Entfernung zu Betroffenen zu Fuß zurücklegen konnten. Das ermöglichte eine schnelle häusliche Versorgung und entlastete die Krankenhäuser. Die Regierung von Kerala konsultierte für ihre Corona-Maßnahmen religiöse Führer, Vertreter örtlicher Einrichtungen und zivilgesellschaftlicher Organisationen und mobilisierte 300.000 Freiwillige. Diese arbeiteten mit den Gesundheitshelfern der Gemeinden zusammen, um zügig Tests durchzuführen, die Fälle zurückzuverfolgen, die häusliche Pflege und die Quarantäne zu überwachen und den Haushalten psychosoziale Unterstützung und Lebensmittelpakete zukommen zu lassen. Kudambashree, gemeindebasierte Frauenselbsthilfegruppen, leiteten Gemeinschaftsküchen. Acht Millionen kostenlose Mahlzeiten gingen von dort an Menschen in Quarantäne, an die am stärksten gefährdeten Haushalte und an Wanderarbeiter aus anderen indischen Bundesstaaten, die ihre Arbeit verloren hatten, als in Kerala Lockdowns verhängt wurden. 

Vertrauen in die staatlichen Maßnahmen

Der vierte Erfolgsfaktor ist öffentliches Vertrauen. Klare und transparente Botschaften von glaubwürdigen Führungspersönlichkeiten stärken das Vertrauen der Öffentlichkeit in die staatlichen Maßnahmen. Die Demut von Entscheidungsträgern, Fehler einzugestehen, auf die Wissenschaft zu hören und offen für neue Informationen zu sein, festigt das Vertrauen der Bevölkerung weiter. Im Senegal informierte das Gesundheitsministerium über Facebook, Radio und Fernsehen täglich über die aktuelle Covid-19-Situation. Die vietnamesische Führung ging in offiziellen Mitteilungen auf der Regierungswebsite und in der nationalen Zeitung regelmäßig auf Fake News ein und wies wiederholt alle Bürger per SMS auf Schutzmaßnahmen wie Maskentragen und Händewaschen hin.

Auch in Ruanda wurde ein Team für Risikokommunikation und Bürgerbeteiligung zusammengestellt. Es hatte die Aufgabe, über staatliche Websites und soziale Medien eine einheitliche Quelle für Informationen zu Covid-19 zu schaffen, um so Desinformation zu bekämpfen. Kerala ist es als einem der ersten Bundesstaaten Indiens gelungen, fast 90 Prozent seiner Bevölkerung mit zwei Impfdosen zu versorgen. Rund die Hälfte aller Beschäftigten im Gesundheitswesen haben inzwischen eine dritte Dosis als Booster erhalten. Und es wurde kein Impfstoff vergeudet, teilte der Bundesstaat mit. 

Innovative Lösungsansätze

Der fünfte Faktor schließlich sind Innovationen und Partnerschaften. In den Ländern des globalen Südens machten begrenzte finanzielle Mittel und Lieferengpässe es schwierig, die Bevölkerung auf SARS-CoV-2 zu testen. Forscher reagierten darauf, indem sie im März 2020 in Uruguay und im September 2020 in Nigeria eigene kostengünstige Corona-Testkits entwickelten und damit die Diagnosekapazitäten im Land erhöhten. Eine innovative Lösung ruandischer Forscher wird nun auch von Ländern mit hohem Einkommen übernommen: ein Algorithmus, der Proben aus Gruppen von Menschen zusammenführt. Um festzustellen, ob sich darunter Infizierte befinden, werden die Proben in verschiedenen Kombinationen zusammengefasst und getestet. Die Anzahl von Tests ist dabei geringer als die der Personen, von denen Abstriche genommen wurden. Die Testung im Pool ermöglicht es den Gesundheitsbehörden, sofort zu reagieren, und, was besonders wichtig ist, die knappen Testmaterialien zu schonen. Nach Angaben von Forschern ist es gelungen, eine positive Person in einem Pool von 100 Proben auszumachen – mit einer Fehlerquote von 0,001 Prozent. 

Dank öffentlich-privater Partnerschaften stellen Automobilunternehmen in Nigeria und Uganda inzwischen kostengünstige Beatmungsgeräte her – ein innovativer Ansatz, um die Lieferkette für diese lebensrettende Ausrüstung zu diversifizieren. Zu Beginn der Pandemie war Nigeria auf den Import von medizinischen Gesichtsmasken angewiesen. Mit Unterstützung der Regierung hat ein führendes privates Unternehmen die erste Produktionsstätte für OP-Masken in Nigeria hochgezogen. Dieses beliefert das Gesundheitsministerium und hat Tausende Masken für die Allgemeinheit gespendet. 

 Den lebensrettenden Sauerstoff stellt das Hospital (IDH) in Yaba im nigerianischen Lagos ab Januar 2021 selbst her. Pius Utomi Ekpei/AFP via Getty Images

Lehren aus den Erfolgen des globalen Südens

All diese Erfolge gingen mit Herausforderungen einher. Wurde die Lieferkette unterbrochen, erschwerte das die Arbeit von Forschern und Einsatzteams. Testkits und Reagenzien für RT-PCR und Sequenzierung waren schwer zu bekommen. Forscher in Kenia etwa mussten sich auf Spenden verlassen und konnten an unverzichtbare Materialien nur gelangen, indem sie verhandelten – im Rahmen von Partnerschaften mit dem Africa Centres for Disease Control and Prevention, dem Wellcome Trust und Laboren im Norden. Da es Ländern im Süden oft an technischen oder finanziellen Mitteln fehlt, sich Covid-19-Impfstoffe zu verschaffen, haben sie meist eine geringe Durchimpfungsrate − zum Beispiel sind im Senegal weniger als zehn Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Immerhin werden Covid-mRNA-Impfstoffzentrum der Weltgesundheitsorganisation in Südafrika und weitere angekündigte Impfstoffproduktionsanlagen in Afrika südlich der Sahara die inländische und regionale Produktion erleichtern und den lokalen Zugang zu Impfstoffen verbessern.  

Das Kerala-Modell ist für seine Wirksamkeit bei der Prävention und Verringerung der Belastung durch Covid-19 gelobt worden. Doch der Einsatz von Drohnenüberwachung und digitalen Hilfsmitteln hat datenschutzrechtliche Bedenken geweckt – insbesondere nachdem aus einigen Krankenhäusern das Durchsickern von Covid-19-Patientendaten gemeldet worden war. In manchen Ländern Afrikas ruft das Coronavirus die Erinnerung an Ebola-Ausbrüche wach – und erzeugt bei denjenigen, die sich infiziert haben oder unter Quarantäne gestellt werden, Angst vor Stigmatisierung. 

Dennoch: Die Erfahrung der Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass Erfolge von überall in der Welt kommen können. Wir sollten diese Lektionen lernen und das anwenden, was in unserem eigenen Kontext am besten funktioniert. Frühzeitiges Reagieren, eine starke Führung, die Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse bei gleichzeitigem Pragmatismus und dezentrale, gemeinschaftsorientierte Ansätze für die Bewältigung von Gesundheitskrisen – das sind die Kernpunkte dessen, was uns die Länder des globalen Südens lehren. Vor allem aber: Wenn wir in öffentliche Gesundheitssysteme investieren und die medizinische Grundversorgung und deren Verbindung mit lokalen Gemeinschaften stärken, werden wir ein gutes Stück Weg zurücklegen – hin zu dem Ziel, künftig Pandemien vorzubeugen und sie einzudämmen.

Aus dem Englischen von Anja Ruf.

erschienen in Ausgabe 11 / 2022: Leben in Krisenzeiten

Neuen Kommentar schreiben