Coltan-Abbau für Milizen im Kongo: "Entsetzliche Bedingungen"

Ein Bergarbeiter sitzt auf Säcken vor einer Mine.
picture alliance / ASSOCIATED PR/Moses Sawasawa
Die Coltanmine nahe der Stadt Rubaya an der Grenze zu Ruanda zählt zu den größten der Welt. Bei mindestens vier Erdrutschen sind dort seit Jahresbeginn laut Regierung Hunderte Bergarbeiter gestorben.
Rohstoffe
Ohne Coltan keine Handys - davon profitieren auch Rebellengruppen im Osten des Kongo. Sie verdienen Millionen an den Rohstoffen der Region - auf Kosten der Bevölkerung.

Nairobi/Kinshasa - Herzschrittmacher, Hörgeräte, Handys: Nichts davon läuft ohne Coltan. Im Kriegsgebiet im Ostkongo leben Tausende Menschen vom Abbau des Erzes und riskieren damit zugleich ihr Leben. Sie schaufeln von Hand Körbe voller Steine und Sand und tragen sie aus den Tiefen der Erde ans Tageslicht, meist ohne Schutzkleidung oder Absicherung des Geländes. Die Nachfrage ist enorm, denn aus Coltan wird das seltene Metall Tantal gewonnen, das für alle Geräte mit Mikroelektronik unverzichtbar ist.

„Die Arbeitsbedingungen in den handwerklichen Minen in der Demokratischen Republik Kongo sind extrem gefährlich“, erläutert Emily Iona-Stewart von der Menschenrechtsorganisation Global Witness. Seit die von Ruanda unterstützten M23-Rebellen viele Minen im Osten der Demokratischen Republik Kongo kontrollieren, komme es dort darüber hinaus alarmierend häufig zu tödlichen Unfällen. So auch in der Mine nahe der Stadt Rubaya an der Grenze zu Ruanda, eine der größten Coltan-Minen der Welt, die seit ungefähr zwei Jahren in der Hand der Miliz ist. Bei mindestens vier Erdrutschen sind dort seit Jahresbeginn laut der Regierung Hunderte Bergarbeiter gestorben.

Ausbeutung und Zwangsarbeit

In Rubaya werden etwa 15 Prozent des weltweiten Coltans abgebaut. Mit dem Handel von rund 120 Tonnen des Erzes pro Monat nehmen die M23 laut den Vereinten Nationen mindestens 800.000 US-Dollar ein. „Die Rebellen erheben Steuern auf die Rohstoffe und profitieren vom Schmuggel der wertvollen Ware in die Nachbarländer“, sagt ein kongolesischer Sozialwissenschaftler, der zu seinem Schutz anonym bleiben möchte, weil er zeitweise vor Ort zur Lage in den von M23 kontrollierten Minen forscht. Er berichtet von Ausbeutung und Zwangsarbeit. „Die Bedingungen, unter denen die Menschen dort arbeiten, sind entsetzlich.“

Zugleich seien zehntausende Menschen abhängig vom Einkommen aus dem Bergbau, gibt der Wissenschaftler zu bedenken. Sollten die Minen industrialisiert werden, wie im Rahmen des Ende 2025 vereinbarten Rohstoffabkommens zwischen dem Kongo und den USA zu befürchten, zerstöre das ihre Existenz. „Sie sind dann leichte Beute für die Rekrutierung bewaffneter Rebellengruppen.“ Es sei deshalb enorm wichtig, über die konkreten sozialen Folgen von Rohstoff-Politik zu sprechen.

Ostkongo eine der rohstoffreichsten Regionen

Studien wie eine der „Globalen Initiative gegen Transnationales Organisiertes Verbrechen“ zeigen, dass Länder mit wertvollen Rohstoffen anfälliger sind für Kriege. Gesetze wie das deutsche Lieferkettengesetz versuchen, die Einhaltung der Menschenrechte bei den unterschiedlichen Produktionsschritten einzufordern. Im Ostkongo, einer der rohstoffreichsten Regionen der Welt, ist die Lage davon weit entfernt. In der Region, in der es außer 40 Prozent der weltweiten Coltan-Vorkommen unter anderem auch Gold, Zinn, Wolfram und Kupfer gibt, kämpfen dutzende bewaffnete Gruppen seit Jahrzehnten gegeneinander und den Staat. Schon vor der Übernahme durch die M23-Rebellen waren Teile des Coltan-Abbaus bestimmt von transnationaler, organisierter Kriminalität, schrieb der Politikwissenschaftler Oluwole Ojewale in einer Studie 2022 für die Initiative "Enact Africa”.

In den von der Regierung kontrollierten Gebieten gibt es dem Sozialwissenschaftler zufolge staatlich organisierte Kooperativen von Bergarbeitern, die die Verwaltung der Minen koordinieren. Diese böten zumindest eine gewisse Struktur und Unterstützung. Dazu komme die technische Expertise der Minen-Behörde „Saemape“, deren Mitarbeiter allerdings meist flüchteten, wenn eine Miliz das Gebiet erobere.

Bewaffnete Rebellengruppen kontrollieren nicht nur Minen, sondern auch die Handelswege. So baue die M23, die vor etwas mehr als einem Jahr die Millionenstädte Goma und Bukavu im Ostkongo eingenommen hat, die Straße von der Mine in Rubaya in die Stadt Sake aus, um den Transport der Rohstoffe nach Ruanda zu erleichtern, erläutert der Sozialwissenschaftler. Davon profitierten auch die Bauern der Region, die ihre Produkte schneller zu Märkten bringen können. Sonstige Infrastruktur wie Schulen oder Krankenhäuser werde von M23 bisher allerdings nicht vorangetrieben.

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