Die Zeit für den Agrarwandel ist jetzt

Eine Reisbäuerin steht im Wasser eines Reisfeldes.
Emtiaz Ahmed Dulu / Brot für die Welt
Eine Reisbäuerin pflanzt Setzlinge in Charlathimara, Bangladesch. In dem südasiatischen Land liefert Reis den Großteil der Kalorien; ein bedeutender Teil des Harnstoffs für Dünger wird vom Golf importiert.
Ernährungssicherheit
Der Irankrieg zeigt einmal mehr, wie abhängig die globale Ernährung von fossiler Energie, Chemie und Logistik ist. Höchste Zeit, arme Länder von Dünger- und Nahrungsimporten zu entkoppeln und auf agrarökologische, krisenresistente Landwirtschaft zu setzen.

Die Straße von Hormus ist ein Engpass für einen Großteil des weltweit gehandelten Stickstoffdüngers. 20 bis 22 Millionen Tonnen Urea (Harnstoff) werden Jahr für Jahr von dort verschifft, das sind 35 bis 40 Prozent der global gehandelten Menge. Weil die Herstellung von Harnstoff aus Ammoniak und Kohlendioxid so energieintensiv ist, findet sie zu einem großen Teil in Golfstaaten wie Qatar, Saudi‑Arabien, den Vereinten Arabischen Emiraten und Iran statt – mit deren Gasvorkommen.

Mit der Blockade infolge des Kriegs im Iran explodieren die Gaspreise und damit die Kosten für die Düngerproduktion. Weltweit sind die Harnstoffpreise seit Kriegsbeginn um rund 25 bis 40 Prozent gestiegen. Länder in Asien und Ostafrika müssen mittlerweile Spitzenpreise von über 700 US-Dollar pro Tonne zahlen, da sie große Teile ihres Stickstoffdüngers direkt vom Golf beziehen oder aus Düngerfabriken, die Erdgas aus dieser Region nutzen. Schon moderate Düngerpreissteigerungen zwingen bäuerliche Betriebe, weniger zu düngen. Folge: Die Erntemengen schrumpfen. 

Halbierte Ernten wegen Düngermangel

Besonders gefährdet sind Regionen wie Süd- und Südostasien mit sehr hoher Importabhängigkeit bei Dünger oder bei Grundnahrungsmitteln sowie geringen finanziellen Puffern für Preisstützung oder Lagerhaltung. Und in Ostafrika stammen große Teile der Harnstoffimporte aus der Golfregion oder aus Ägypten, auch wenn dort der Düngereinsatz pro Hektar niedrig ist. Gerade beim Maisanbau, wo mehr Dünger zu deutlich höheren Erträgen führt, kann weniger Harnstoffeinsatz dazu führen, dass sich die Ernte halbiert. 

Auch Indien, weltgrößter Reisproduzent, importiert einen bedeutenden Teil seines Harnstoffs vom Golf, ebenso wie Bangladesch, wo Reis den Großteil der Kalorien liefert. Beim Reisanbau wird Stickstoffdünger während der Wachstumsphasen mehrfach ausgebracht, sodass kurzfristige Preissteigerungen zu sofortiger Unterdüngung, Ertragsverlusten oder Verschuldung führen können. Die großen Weizenimporteure Nordafrika und Naher Osten erleben ein Déjà-vu von 2022, als Russland beim Angriff auf die Ukraine die Weizenexporte stoppte. Weizenbrot ist in diesen Regionen das wichtigste Grundnahrungsmittel.

Auch der Seehandel ist betroffen

Da auch die Ölpreise um ein Fünftel gestiegen sind und die Schiffsversicherungen die Preise deutlich erhöht haben, trifft der Krieg im Iran nicht nur den Düngerexport, sondern auch den Seehandel mit Reis, Weizen, Soja, Mais und anderen Nahrungsmitteln wie Speiseöl, Zucker, Fisch oder Hülsenfrüchte. Auch die Getreidebörsen haben reagiert wie 2022 zu Beginn des russischen Angriffskrieges: Die Preise von Futures (Verträge, mit denen Marktteilnehmer einen Preis für eine Ware festlegen, die zu einem späteren Zeitpunkt geliefert oder abgerechnet wird) sind für Mais, Weizen und Soja gestiegen, getrieben von teurerem Öl, Spekulation und Inflationsängsten. Langfristige Lieferverträge haben sich preislich wieder beruhigt, in der Hoffnung auf einen haltbaren Waffenstillstand in der Golfregion, bleiben aber auf hohem Niveau. 

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Auch nach dem hoffentlich baldigen Ende der Seeblockade werden in so importabhängigen Staaten die schädlichen Auswirkungen auf die Nahrungsversorgung anhalten: Ernterückgänge sind bis zum Jahresende zu erwarten. Manche Regierungen werden versuchen, Nahrungsimporte zu unterstützen. Schon jetzt versuchen das die Regierungen in Bangladesch oder den Philippinen, nicht aber die teils hoch verschuldeten Staaten in Ostafrika und im südlichen Afrika. 

Nur die USA und Russland profitieren

Länder, die Nahrungs- oder Futtermittel ausführen wie etwa Indien oder Brasilien, profitieren von den höheren Preisen für Grundnahrungsmittel nicht, weil sie selbst Dünger und Energie importieren. Nur die USA und Russland, die sowohl Energie als auch Düngemittel produzieren, dürften von den hohen Weltmarktpreisen profitieren. 

Vor allem aber dürften die Gewinne der großen Düngemittelkonzerne wie Yara (Norwegen), CF Industries und Nutrien (USA/Kanada) in der Krise steigen. Ihr Vorteil ist ihr direkter Zugang zu günstigem Gas und guter Infrastruktur in Norwegen beziehungsweise Nordamerika; sie nutzen langfristige Beschaffung, Standortvorteile und integrierte Produktionsketten. Sie profitieren von der Verknappung, indem sie ihre Bestände zu stark gestiegenen Spotpreisen (Sofortpreis an den Börsen) verkaufen. Während kleinbäuerliche Betriebe und arme Haushalte zahlen, melden diese Firmen hohe Margen. 

Lehren aus der Nahrungsmittelkrise von 2022 – Investitionen in organischen Dünger, Saatgut und agrarökologische Beratung – sind kaum gezogen worden. Stattdessen ist das System nach wie vor fossil, chemieabhängig und engpassanfällig. Nach der Krise von 2022 wären mehr Anstrengungen nötig gewesen, arme Länder von externen Dünger- und Nahrungsimporten zu entkoppeln und auf agrarökologische, krisenresistente Landwirtschaft zu setzen. Doch vielerorts wurden Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und zivilgesellschaftliche Akteure gekürzt, so auch der deutsche Entwicklungsetat.

Die nachhaltige Lösung: Größere Nahrungsvielfalt und Agrarökologie

Eine Antwort auf die ständigen globalen Ernährungskrisen kann sein, das Tempo und den Einsatz für einen Umbau der globalen Ernährungssysteme hin zu größerer Nahrungsvielfalt und Agrarökologie zu erhöhen. Solange nur drei Kulturpflanzen (Mais, Reis und Weizen) 60 Prozent der weltweiten Kalorienversorgung abdecken, sind Krisen programmiert, ob durch Kriege oder den Klimawandel. Die globale Getreideproduktion beruht momentan fast zur Hälfte auf synthetischem Stickstoffdünger, ohne ihn fiele sie etwas 40 Prozent niedriger aus. Dabei emittiert sie jährlich über 10 Prozent der landwirtschaftlichen Emissionen und 2,1 Prozent aller globalen Treibhausgase, während die Überdüngung Böden versauert und Humus abbaut. Dieses Modell verschärft die Klimakrise und macht die Welternährung krisenanfällig.

Ein radikal anderes Ernährungssystem auf Basis der Agrarökologie ist notwendig. Bauern und Bäuerinnen müssen unabhängig von genmanipulierten Sorten und Agrarchemie bei Saatgut, Dünger und Pestiziden werden. Anstelle von Monokulturen mit Reis, Weizen und Mais, die hohen Düngereinsatz erfordern, könnten Hülsenfrüchte wie Bohnen, Linsen und Erbsen Stickstoff binden und pflanzliches Protein liefern. Gemüse und Obst würden Vitamine sichern, Fisch aus Kleinfischerei und Fleisch aus extensiver Weidehaltung tierisches Eiweiß ohne importiertes Kraftfutter liefern. Hirse, Sorghum, Maniok oder Süßkartoffeln widerständen Dürren besser und benötigten weniger externe Inputs. 

Autor

Francisco Mari

ist Referent für Agrarhandel und Fischerei bei „Brot für die Welt“.

Natürlich kann die konventionelle Landwirtschaft nicht einfach eins zu eins agrarökologisch ersetzt werden. Eine solche Umstellung würde bei den drei wichtigsten Grundkulturen – Mais, Reis und Weizen – entweder niedrigere Erträge pro Hektar oder einen höheren Flächenbedarf bedeuten. Ein agrarökologisches Gesamtkonzept kann langfristig für eine gesunde Welternährung sorgen, aber nur, wenn es mit geringerem futterintensiven Fleisch- und Milchkonsum, deutlich weniger Nachernteverlusten und Lebensmittelverschwendung, einer auf Leguminosen und Vielfalt ausgerichteten Fruchtfolge sowie einer Verringerung des Anbaus für Bioenergie verbunden wird. Vor allem der Fleischkonsum in Regionen mit industrieller Tierhaltung und hohem Ackerfuttereinsatz – also in Europa, China sowie Nord- und Südamerika – muss sinken, nicht in Ländern, in denen Fleisch und Milch überwiegend aus Weide- und Kleinhaltung stammen wie in Teilen Afrika und Asiens.

Besonders für ärmere Familienbetriebe in Südamerika, Afrika und Asien ist Agrarökologie essenziell. Hohe Kunstdüngerpreise zwingen sie sonst, weniger zu düngen und entsprechend weniger zu ernten – entweder fehlen dann Essen oder Einnahmen. Organisationen wie Brot für die Welt fördern daher lokale Kompost- und Biogasanlagen, Fruchtfolgen mit stickstoffbindenden Früchten, integrierte Vieh- und Acker-Systeme, Weide- und Kleinviehhaltung und handwerkliche Fischerei. In solchen Systemen steigen die Bodengesundheit, die Erträge und die Lagerfähigkeit oft spürbar. Zugleich können Bäuerinnen und Bauern ihre Hirse-, Mais- und Gemüseernten über lokale Märkte und in Städten verkaufen. Für Großstädte und Regionen, die Nahrung importieren müssen wie Nordafrika, bleibt die zentrale Voraussetzung jedoch, dass Ernteverluste sinken, Vermarktung und Lagerung besser werden und Getreide nicht in großem Umfang an Tiere verfüttert wird, wenn eine Ernährungswende gelingen soll.

Der Irankrieg mahnt also einmal mehr: Globale Ernährung darf nicht von fossilem Gas, der Straße von Hormus und wenigen Sattmachern abhängen. Agrarökologie – vielfältig, lokal, bodenschonend – minimiert Klimaschäden, schützt Böden und stärkt bäuerliche Familienbetriebe. Die Zeit für den Agrarwandel ist jetzt.

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