Im Iran sind im Dezember 2025 und Januar 2026 viele Menschen auf die Straße gegangen – zunächst wegen der dramatisch verschlechterten wirtschaftlichen Bedingungen. Doch schnell zeigte sich, dass es um weit mehr ging: um Freiheit, ein Leben in Würde, einen Alltag ohne ständige Kontrolle und letztlich um das Ende der Diktatur.
Das Regime nahm die Demonstrationen als ernste Gefahr wahr; der oberste geistliche Führer, Ali Khamenei, bezeichnete erstmals seit der Islamischen Revolution von 1979 Proteste als „Putsch“. Daher hat es sie brutal unterdrückt und Anfang Januar das Internet im Land weitgehend blockiert, um die Koordination von Protesten zu erschweren und Informationen nach außen zu verhindern. Die Massaker an Zivilistinnen, die nach teilweiser Aufhebung der Sperre bekannt wurden, sind Ausdruck der Angst des Regimes.
Die oppositionellen Gruppen im Iran sind aber vielfältig und bislang nicht geeint. Auch deshalb setzen dort jetzt, nach den Massakern, viele ihre Hoffnung auf die jüngsten Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran oder auf Symbolfiguren, die im Exil leben, darunter den Sohn des früheren Schahs.
Die Zivilgesellschaft vollständig unterdrückt
Die Misere im Land und Proteste dagegen sind nicht neu. Das iranische Regime kontrolliert die wirtschaftlichen Ressourcen des Landes zentral, aber die Infrastruktur ist ineffizient und es fehlt an ökonomischer Entwicklung. Die Zivilgesellschaft steht unter starken Einschränkungen, insbesondere in Bezug auf Frauenrechte, Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Wahlen werden streng reguliert und oppositionelle Kandidaten häufig ausgeschlossen. Spätestens seit der dreisten Wahlfälschung von 2009 hat das Regime bei der Mehrheit jede Legitimität verloren. Nur die Gewalt der Polizei, der Geheimdienste und Revolutionsgarden hält die Diktatur an der Macht.
Die Entstehung einer funktionierende Zivilgesellschaft und eigenständiger politischer Tätigkeit außerhalb der Strukturen des Regimes wurde im Iran früh eingeschränkt und später nahezu vollständig unterdrückt. Dies hatte zerstörerische Folgen: Einerseits fehlten der Gesellschaft Möglichkeiten, Erfahrungen mit politischer Organisation zu sammeln, andererseits verengte sich politisches Handeln auf den unmittelbaren Widerstand gegen staatliche Repression und akute Notlagen. Mangels institutioneller Wege zur Verbesserung der Lebensbedingungen oder zur Reform des Staates entlädt sich Unzufriedenheit immer wieder in spontanen, oft massenhaften Protesten, die regelmäßig brutal niedergeschlagen werden.
Die Wahlfälschung 2009 war ein Wendepunkt
Die Unterdrückung hat auch dazu geführt, dass sich im Iran keine organisierte Opposition bilden konnte. Das Jahr 2009 war hier in vieler Hinsicht ein Wendepunkt. Im damaligen Präsidentschaftswahlkampf entstand damals eine außergewöhnliche öffentliche Mobilisierung für zwei reformorientierte Kandidaten, die sogenannte grüne Bewegung. Die verbreitete Begeisterung für die beiden Oppositionskandidaten Mehdi Karroubi und Mir-Hossein Mousavi schlug nach der Wahlfälschung und der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste dagegen in Resignation, Verzweiflung und Hass auf das iranische Regime um.
Bis dahin hatte die Bevölkerung wiederholt Hoffnung auf islamische Reformer gesetzt, insbesondere auf Mohammad Khatami (Präsident von 1997 bis 2005). Nach der Wahlfälschung von 2009 verlor dieses Lager jedoch rasch an Glaubwürdigkeit. Zum einen zeigte sich, dass Unterstützung für sie folgenlos blieb, da das Regime einen Wahlsieg der Reformer nicht mehr zuließ. Zum anderen wurde ihnen vorgeworfen, sich nicht eindeutig hinter die Opfer staatlicher Gewalt zu stellen und das Machtgefüge des Regimes – etwa des Kreises um Ali Khamenei und die Revolutionsgarden – nicht grundsätzlich infrage zu stellen.
Symbolfiguren ohne politische Organisation
Die letzte größere Hoffnung verband sich mit der Präsidentschaft Hassan Rohanis von 2013 bis 2021. Mit Unterstützung Mohammad Khatamis und Akbar Hashemi Rafsandschanis (Präsident 1989 bis 1997) präsentierte sich Rohani als reformorientiert. Am Ende seiner Amtszeit zeigte sich jedoch, dass auch er zentrale Versprechen gegenüber der Bevölkerung nicht einlösen konnte.
In dem politischen Vakuum traten während und nach seiner Präsidentschaft vereinzelt Persönlichkeiten als Stimmen der Opposition hervor – teils im Inland, teils im Ausland, darunter die in England lebende Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi und die in den USA lebende Journalistin Masih Alinejad. Seit den Protesten unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ im Herbst 2022 wird zudem Reza Pahlavi genannt, der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, der in den USA lebt. Diese Figuren haben Zugang zu internationalen Medien und genießen in unterschiedlichem Maße Ansehen im Iran. Keine von ihnen führt jedoch eine organisierte Opposition.
Auch innerhalb des Landes existiert bis heute keine organisierte Opposition. Oppositionelle Gruppen haben sich weder zusammengeschlossen noch auf ein gemeinsames politisches Programm geeinigt – vor allem aufgrund der systematischen Unterdrückung der Zivilgesellschaft durch das Regime. Deshalb gibt es im Iran derzeit keine glaubwürdige Machtalternative. Zwar hat die Islamische Republik ihre Legitimität weitgehend verloren und ist bei einer Mehrheit der Bevölkerung verhasst, doch Zersplitterung und fehlende politische Erfahrung der Opposition sowie anhaltende Repression verhindern die Entstehung einer echten Alternative.
Verzweifeltes Hoffen auf Rettung von außen
Ein Ergebnis dieser Situation ist, dass viele im Iran die Lösung ihrer Probleme nun von dritter Seite erhoffen, also von außen. Dem liegt keine politische Analyse zugrunde, sondern Verzweiflung. Man klammert sich an die Hoffnung, sozusagen von höherer Stelle und von außen gerettet zu werden. Und weil Israel und die USA von Beginn der Islamischen Republik an als deren Feinde gelten, haben beide große Sympathie bei vielen Iranern gewonnen. Inzwischen erwarten sehr viele den Sturz des Regimes von Benjamin Netanyahu und Donald Trump.
Solche Hoffnungen sind höchst fragwürdig. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Israel oder Trump wirklich daran interessiert ist, dem iranischen Volk zu helfen oder Menschenrechte in den Mittelpunkt zu stellen. Die Gespräche zwischen den USA und Iran in Maskat (Oman) drehen sich vor allem um nukleare und sicherheitspolitische Fragen, nicht um Reformen oder den Schutz der Zivilgesellschaft. Die USA verhandeln über das Atomprogramm und andere Fragen der Sicherheitspolitik, während innenpolitische Repression oder Menschenrechtsfragen kaum Thema sind.
Um Demokratie geht es den USA und Israel nicht
Genauso wie bei früheren außenpolitischen Einmischungen – etwa in Venezuela oder im Nahen Osten – geht es der US-Regierung vor allem um ihre eigenen geopolitischen und strategischen Interessen. Menschenrechte in anderen Ländern spielen für sie erkennbar eine untergeordnete Rolle, solange sie nicht unmittelbar mit diesen Interessen verknüpft sind.
Zudem haben die USA zwar in einer Reihe von Fällen schon fremde Regierungen gestürzt, darunter auch Diktaturen. Die Ergebnisse waren aber kaum jemals im Sinne der betroffenen Bevölkerung – so etwa im Irak und in Libyen. Und im Iran hat der von den USA unterstützte Sturz des demokratisch gewählten und säkularen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh 1953 nicht mehr, sondern weniger Freiheit gebracht: Danach erhielt der Schah diktatorische Macht.
Wer glauben möchte, die USA würden ihre Politik vor allem an einer Einführung von Demokratie orientieren, der ignoriert alle Lehren der Geschichte. Dies ist in großen Teilen der iranischen Bevölkerung und der Exilopposition der Fall, weil sie vom iranischen Regime immer brutaler unterdrückt werden und keine glaubwürdige Machtalternative erkennbar ist.
Warum der Sohn des Schah jetzt Einfluss gewinnt
Autorin
Fatemeh Hippler
(früherer Name Fatemeh Kamali Chirani) hat im Iran Journalismus studiert und als Journalistin gearbeitet und dann in Deutschland über interkulturellen Dialog promoviert. Hier arbeitet sie nun als Forscherin und Migrationsberaterin.Mit der wachsenden Begeisterung für den Sohn des früheren Schahs geht eine rückwirkende Verklärung und Idealisierung der damaligen Diktatur einher; Folter und Repression unter seiner Herrschaft werden relativiert oder verdrängt. Zugleich geraten zentrale gegenwartsbezogene Fragen aus dem Blick – etwa warum sich Reza Pahlavi öffentlich als konservativ-demokratisch präsentiert, zugleich aber radikale, exkludierende und antidemokratische Strömungen in seinem Umfeld duldet, die unter dem Deckmantel eines aggressiven Nationalismus auftreten. Damit sind hier antidemokratische Strömungen gemeint, die unter dem Vorwand der nationalen Einheit Minderheiten – etwa Afghanen im Iran – ausgrenzen und Gewalt oder das Leid anderer relativieren. Solche Positionen stehen im Widerspruch zu einer demokratischen Opposition.
Keine klare Absage an monarchische Ambitionen
Reza Pahlavi zeigt in Bezug auf Demokratie eine ambivalente Haltung. In einem Interview mit der ARD antwortete er auf die Frage, ob er die Dynastie der Pahlavis wiederaufbauen wolle, er habe 46 Jahre in demokratischen Ländern gelebt und dabei wichtige Werte sowie Mechanismen gegen Machtkonzentration verstanden. Das war keine eindeutige Absage an monarchische Ambitionen. Pahlavis Position zur Demokratie bleibt widersprüchlich und schwer einschätzbar.
Die Iranerinnen und Iraner sind nach jahrzehntelangen Enttäuschungen emotional stark belastet und neigen dazu, ihre Hoffnung auf einzelne charismatische Persönlichkeiten zu projizieren. Dadurch bleiben die Potenziale innerhalb der Opposition häufig ungenutzt. Dennoch gibt es im Land mutige politische Forderungen, die nicht ignoriert werden dürfen. So veröffentlichten im August 2025 siebzehn prominente iranische Dissidentinnen und Dissidenten – darunter der Filmemacher Jafar Panahi und die inhaftierte Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi – eine gemeinsame Erklärung, in der sie eine demokratische Alternative zur Islamischen Republik fordern. Viele Unterzeichnende leben weiterhin im Iran.
Keiner dieser Akteure kann politischen Wandel allein herbeiführen. Reza Pahlavi genießt Vertrauen bei Teilen der älteren und jüngeren Generation. Narges Mohammadi ist die Stimme eines erwachten gesellschaftlichen Gewissens, während Masih Alinejad öffentlich sichtbar macht, was das Regime zu verbergen versucht. Keine dieser Persönlichkeiten tritt jedoch in politischer Organisation hervor. Diese Funktion müssen unabhängige Parteien und eine starke Zivilgesellschaft übernehmen. Konkrete politische und wirtschaftliche Zukunftsmodelle sollten von juristischen und wirtschaftlichen Fachleuten erarbeitet werden – legitimiert und begleitet von der Bevölkerung.
Die Revolutionsgarden haben ökonomische Interessen
Das iranische Regime konnte sich jahrzehntelang vor allem mit massiver Gewalt an der Macht halten, wobei die Revolutionsgarden eine zentrale Schutzfunktion übernommen haben. Die große Zahl an Opfern staatlicher Repression im Dezember 2025 und Januar 2026 zeigt jedoch, dass das Vertrauen des Regimes in seine eigene Zukunft tief erschüttert ist.
Ein Sturz des Systems ist dennoch nicht einfach: Die Revolutionsgarden sind nicht nur ein militärisches Machtinstrument, sondern auch tief in wirtschaftliche Schlüsselbereiche wie die Ölindustrie eingebunden. Sie verteidigen nicht allein das Regime und der Diktator Ali Khamenei, sondern auch ihre eigenen materiellen Interessen. Aus diesem Grund ist nicht zu erwarten, dass sie allein durch Proteste flexibel oder kompromissbereit werden.
Umso wichtiger ist es, dass unterschiedliche oppositionelle Gruppen im In- wie im Ausland ihre Spaltungen überwinden. Nur eine gemeinsame politische Perspektive, verbunden mit zukünftigen Protestbewegungen im Land, kann eine glaubwürdige Alternative und damit die Grundlage für eine politische Transformation schaffen.
Manche hoffen jetzt sogar auf den Sohn des Schah
Liebe Fatemeh,
Deine Sorge teile ich, und Dein Befund über das Regime – eine nur durch Gewalt gehaltene Diktatur, die Massaker verantwortet – ist nicht zu bestreiten. Gerade weil ich Dir hier zustimme, muss ich Dir an anderer Stelle entschieden widersprechen.
Dein Text beschreibt die Lage in Iran aus der Zeit vor dem Krieg. Seit Ende Februar hat sich alles verschoben: die Angriffe Israels und der USA, der Tod des obersten Führers, der brüchige Waffenstillstand vom April. Diese Analyse heute erneut zu teilen heißt, eine Februar-Karte über ein Juni-Gelände zu legen – und genau das auszublenden, was inzwischen entscheidend ist.
Am deutlichsten zeigt sich das an Reza Pahlavi. Du zeichnest ihn als Figur, die aus der Sackgasse heraus fast über Nacht Bedeutung gewann. Das verkehrt die Sache. Er trat nicht plötzlich aus dem Nichts auf: Seit dem Sturz 1979, seit 47 Jahren, wirbt er aus dem Exil ohne Unterbrechung für ein säkulares, demokratisches Iran und für das Recht der Bevölkerung, selbst zu entscheiden. Neu ist nicht der Mann, neu ist die Bereitschaft, ihn zu hören. Und seine Position ist das Gegenteil dessen, was Du ihm zuschreibst: Er will die Monarchie nicht wiederherstellen, sondern eine verfassunggebende Versammlung und ein Referendum, in dem das Volk zwischen Monarchie und Republik wählt; sich selbst sieht er als Wegbereiter des Übergangs, nicht als künftigen Herrscher. Einen konkreten Übergangsplan hat er vorgelegt. Dass Dein Text davon schweigt, ist die eigentliche Lücke.
Und diese Lücke hat eine innere Seite. Du nennst die Zivilgesellschaft nahezu vollständig unterdrückt – und reichst eben ihr zugleich die Aufgabe, den Übergang zu tragen. Wer soll organisieren, was zu organisieren erst verboten wurde? Deine eigene Lösung – Fachleute erarbeiten Modelle, von der Bevölkerung legitimiert – beschreibt fast denselben Weg, den Du bei Pahlavi verwirfst.
Wie ein tragfähiger Übergang aussehen müsste – und woran Pahlavis eigener Plan noch krankt –, habe ich andernorts geprüft: „Übergang ohne Garantie? Reza Pahlavis Emergency Phase Plan – eine kritische Analyse" (Zenodo, 7. März 2026): https://doi.org/10.5281/zenodo.18904500
Wir sind uns einig im Ziel: ein freies Iran. Uneinig sind wir im Weg. Diese Uneinigkeit auszuhalten und fruchtbar zu machen – das ist die Aufgabe.
Herzlich,
Farsin
Rückmeldung
Lieber Farsin,
schön, hier einen Kommentar von dir zu bekommen. Vielen Dank für deine Zeit.
Zunächst zu deinem Einwand, meine Analyse gehöre „vor den Krieg“: Mein Beitrag wurde tatsächlich vor dem Krieg veröffentlicht. Es ist daher wenig überraschend, dass er die Situation vor dem Krieg beschreibt. Meine zentrale Diagnose – dass die iranische Opposition strukturell geschwächt ist und Reza Pahlavi erst im Zuge der „Frau – Leben – Freiheit“-Bewegung deutlich an Sichtbarkeit und politischer Relevanz gewonnen hat – halte ich jedoch weiterhin für zutreffend.
Dabei habe ich keineswegs behauptet, dass Reza Pahlavi vor 2022 politisch nicht existiert oder keine Aktivitäten entfaltet habe. Es gab verschiedene Initiativen, darunter den Iran National Council (seit 2013?), das Phoenix Project (2019?) und weitere Kampagnen sowie Koalitionsversuche. Mein Argument lautet vielmehr, dass daraus keine kontinuierliche, breit verankerte und wirksame Oppositionsstruktur entstanden ist. Deshalb unterscheide ich zwischen der langjährigen Präsenz einer Person und dem Aufbau tragfähiger politischer Organisationen. Sichtbarkeit und politische Bedeutung sind nicht dasselbe wie eine dauerhaft organisierte Opposition. Ein Aufsatz ist/war beschränkt, um ganze diese Punkte zu reflektieren.
Auch bei der Frage der Monarchie bin ich skeptischer als du. Du schreibst, Reza Pahlavi wolle die Monarchie nicht wiederherstellen, sondern lediglich einen demokratischen Übergang ermöglichen. So eindeutig erscheint mir seine Position nicht. In dem von mir erwähnten ARD-Interview verweist Reza Pahlavi darauf, dass er seit Jahrzehnten im Westen lebt und mit westlichen Werten vertraut ist. Für mich reicht das jedoch nicht als politische Antwort aus. Die Tatsache, dass jemand im Westen lebt oder dort aufgewachsen ist, ist kein Beleg für demokratische Überzeugungen oder demokratische Regierungsfähigkeit. Auch in Europa und Deutschland gibt es politische Akteure – etwa in der AfD oder anderen rechtsextremen Milieus –, die in demokratischen Gesellschaften sozialisiert wurden und dennoch demokratische Prinzipien infrage stellen. Deshalb interessiert mich weniger, wo jemand gelebt hat, sondern wie konkret demokratische Institutionen, Machtbegrenzung und politische Rechenschaftspflicht gewährleistet werden sollen.
Du reflektierst auf einen wichtigen Spannungspunkt meines Textes hin: Wenn die Zivilgesellschaft im Iran weitgehend zerstört oder unterdrückt wurde, wer soll dann einen demokratischen Übergang tragen? Genau darin liegt aus meiner Sicht eines der zentralen Probleme. Exilorganisationen können Impulse geben, internationale Aufmerksamkeit schaffen und Konzepte entwickeln. Sie können jedoch die gesellschaftlichen und politischen Strukturen innerhalb des Landes nicht ersetzen.
Zudem ist nicht jede Form von Zivilgesellschaft automatisch demokratisch. Mediale Sichtbarkeit, Symbolpolitik oder große Demonstrationen sind nicht dasselbe wie der Aufbau demokratischer Organisationen. Deshalb bleibt für mich die Frage offen, inwiefern die bisherigen Aktivitäten des Pahlavi-Lagers tatsächlich zu einer belastbaren demokratischen Infrastruktur für einen zukünftigen Übergang beigetragen haben.
Unabhängig davon halte ich einen anderen Punkt für zentral: Eine demokratische Opposition muss Kritik aushalten, Selbstreflexion ermöglichen und Verantwortung für eigene Fehler übernehmen. Politische Glaubwürdigkeit entsteht nicht nur durch Zustimmung, sondern auch durch den Umgang mit Widerspruch. Das gilt für alle politischen Akteure – auch für Reza Pahlavi und sein Umfeld.
In einem Punkt sind wir uns jedenfalls einig: Das Ziel ist ein freies und demokratisches Iran. Über die Wege dorthin werden wir vermutlich weiterhin unterschiedlicher Meinung bleiben. Für eine vertiefte Diskussion eignet sich allerdings eher ein längeres Format als eine Kommentarspalte.
Herzliche Grüße
Fatemeh
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