Wenn der Müllwagen kommt, muss es schnell gehen: Auf der Müllkippe in Brasilia reißen sich alle um die besten Stücke.

Brasilien: Die Bezwinger der Abfallberge

Brasilien putzt sich heraus: Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer sollen alle Müll­kippen durch ein sauberes Recyclingsystem ersetzt werden. Das kann nicht klappen, ohne die informellen Müllsammler zu beteiligen.

Wenn die Sonne über der brasilianischen Hochebene aufgeht, ist Esilton Ramos’ Arbeitstag schon fast vorüber. Die halbe Nacht hat der junge Mann auf der Müllkippe der Drei-Millionen-Stadt Brasilia damit zugebracht, nach Wiederverwertbarem zu suchen. „Nachts ist es kühler, und es gibt weniger Konkurrenz“, sagt der kräftige Mann und reibt sich den Schweiß von der Stirn. Denn mit den ersten Sonnenstrahlen kommt auch die Hitze. Sie verdoppelt den ätzenden, sauren Gestank nach Exkrementen und Abfall, der sich in allen Poren festsetzt. Schon kommt der nächste Müllwagen an, und mindestens drei Dutzend Müllsammler reißen sich um die wertvollsten Stücke. Ramos ist einer der schnellsten.

Autorin

Sandra Weiss

ist Politologin und freie Journalistin in Mexiko-Stadt. Sie berichtet für deutschsprachige Zeitungen und Rundfunksender aus Lateinamerika. Ihr Spezialgebiet sind Sozialreportagen.

Als er sieben Jahre alt war, nahm ihn sein Vater zum ersten Mal mit auf die Müllkippe. Bis heute kann er nicht lesen und schreiben. Seine Eltern waren bitterarme Tagelöhner aus dem nördlichen Bundesstaat Bahía. „Dort gab es keine Arbeit, und wir hatten nichts zu essen“, erzählt der 35-Jährige. Die Familie machte sich mit Sack und Pack auf den Weg in die glitzernde Hauptstadt, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch für ungelernte Ziegenhirten gab es keine Jobs in der Verwaltung, in den Restaurants, in den Geschäften. Sie fanden ihr Auskommen schließlich dort, wo Brasilia seine hässliche Fratze zeigt: in den Überresten der Konsumwelt.

Ihr stilles, vom Rest der Gesellschaft unbemerktes Wühlen im Dreck hat sie zu den unsichtbaren Architekten eines Weltrekords gemacht: Brasilien gehört zu den Recycling-Weltmeistern. So wurden im Vorjahr 98 Prozent aller Aludosen in dem südamerikanischen Land wiederverwertet – mehr als in Japan (80 Prozent) und in den USA (50 Prozent). Bei Materialien wie Pappe und Glas schwankt der Prozentsatz zwischen 45 und 55.

An derartige Rekorde hatten die Stadtväter von Brasilia, Lúcio Costa und Oscar Niemeyer, nicht gedacht. Sie waren begeistert von ihren Gebäuden – und zwar so sehr, dass sie bei der Planung der neuen Hauptstadt Ende der 1950er Jahre den Müll glatt vergaßen. Aber die Realität holte sie rasch ein. Zuerst wurde der Abfall einfach neben einem Naturschutzgebiet in die Landschaft gekippt; dann kamen immer mehr arme Leute wie die Eltern von Ramos nach Brasilia und lebten davon.

Aus ihren Wellblechhütten ist eine Kleinstadt entstanden, gebaut auf den stillgelegten Teilen der Halde, die inzwischen auf 147 Hektar angewachsen ist. „Estrutural“ (Struktur) haben die Behörden die wilde Siedlung getauft, denn so heißt die Ausfallstraße, die vor dem Müll da war und den Stadtkern Brasilias mit den Satellitenstädten verbindet. Auf 40.000 ist die Einwohnerzahl von Estrutural inzwischen angeschwollen, die Hälfte, so schätzen nichtstaatliche Organisationen, lebt von der Müllkippe.

erschienen in Ausgabe 4 / 2014: Indonesien: Von Islam und Demokratie

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