Dialog über Nahost-Konflikt

„Die Debatte ist ritualisiert“

Demonstration anlässlich des jüdischen Holocaustgedenktages in Berlin. Wie weit die Kritik an der israelischen Besatzungspolitik in Deutschland gehen darf, ist gerade in linken Kreisen umstritten.
Der Streit über eine israelkritische Konferenz in Frankfurt zeigt: Palästina- und Israel-Freunde stehen sich in Deutschland unversöhnlich gegenüber. Dabei kann man auch ganz anders über den Nahost-Konflikt diskutieren. Ein Versuch.

Zu einer israelkritischen Tagung anlässlich 50 Jahren Besatzung des Westjordanlands in Frankfurt am Main haben sich Gegendemonstranten angekündigt, die Polizei rechnet mit Krawallen. Als die Konferenz des Deutschen Koordinierungskreises Palästina Israel (KOPI) im Frühjahr nach Protesten zunächst abgesagt worden war, haben wir in der Redaktion überlegt, ob und wie wir darüber berichten. Daraus entstanden ist ein kontroverser E-Mail-Austausch zwischen Redakteur Tillmann Elliesen und der zuständigen Korrespondentin Katja Buck: Warum befassen wir uns überhaupt mit Israel und Palästina? Wie befassen wir uns damit – als Deutsche, als Journalisten? Einig sind die beiden in vielen Fragen immer noch nicht. Aber sie verstehen sich jetzt etwas besser.


Liebe Katja,

bevor wir die Idee zu diesem Austausch hatten, wollte ich einen Kommentar zu den abgesagten Israel-Palästina-Konferenzen in Tutzing und Frankfurt schreiben. Als ersten Satz hatte ich mir überlegt: „Ich bin besessen von Israel.“ Verstehst du, was ich meine?

Viele Grüße,
Tillmann


Lieber Tillmann,

ich glaube, ich weiß, was du meinst. Für mich gilt das insgesamt, was den Nahen Osten angeht. Aber ich stoße auch immer wieder an den Punkt, dass mir deutlich wird, wie gefährlich eine zu starke emotionale Bindung an eine Region oder an ein Thema wird. Vor allem als Journalistin. Es ist  hochambivalent: Auf der einen Seite braucht es die Emotion und auch das Persönliche, um mit Leidenschaft an einem Thema zu arbeiten und auch nach Rückschlägen weiterzumachen. Auf  der anderen Seite ist die sachliche Nüchternheit die Basis, auf der unsere Arbeit am Ende zum Stehen kommt. Das gilt umso mehr bei einem derart verminten Thema wie Israel/Palästina. Deswegen würde ich einen Kommentar mit einem solchen Satz eher nicht anfangen.

Herzlicher Gruß,
Katja


Tillmann: Tja, die sachliche Nüchternheit. Genau die fehlt mir in der Debatte häufig – und zwar vor allem bei denen, die die Politik Israels kritisieren und Partei ergreifen für die Sache der Palästinenser. Da spüre ich gerade in Deutschland häufig eine gewisse Obsession. Ich bin überzeugt, dass das mit dem Holocaust zu tun hat: mit der Schuld und der Scham der Deutschen, die einfach nicht vergehen wollen. Was ich nun mit dem Satz „Ich bin besessen von Israel“ zugespitzt sagen wollte: Mir geht es ja nicht anders! Nur halt umgekehrt: Wann immer ich mit obsessiver Kritik an Israel konfrontiert werde, drängt es mich, dem etwas entgegenzusetzen.

Katja: Komisch, aber diese Obsession sehe ich vor allem bei denen, die sich für Israel einsetzen und jeden, der auch nur ein bisschen Kritik an der Politik Israels äußert, mit der Antisemitismuskeule erschlagen. Oft habe ich den Eindruck, dass sie jede Diskussion schon im Keim ersticken wollen. Bloß nicht über illegale Siedlungen oder Besatzung reden! Und schon gar nicht über einen Boykott von Waren aus den besetzten Gebieten! Ganz nachvollziehen kann ich diese intellektuelle Blockadehaltung der Israel-Freunde nicht. Natürlich haben wir als Deutsche nach dem Holocaust eine besondere Verantwortung für den Staat Israel. Aber kann es sein, dass wir aufgrund unseres Verantwortungsgefühls (wir können es auch Schuldgefühl nennen) über das Unrecht hinwegsehen, das den Palästinensern angetan wird?

Tillmann: Natürlich dürfen wir über solches Unrecht nicht hinwegsehen. Und oft bin ich auch nicht einverstanden, wenn auf Kritik an der Politik Israels mit dem Vorwurf des Antisemitismus reagiert wird. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass zu wenig über die Besatzung oder über illegale Siedlungen diskutiert wird. Die Zeitungen sind doch voll davon! Ich lese darüber jedenfalls mehr als über die Mitverantwortung der Palästinenser, dass es im Konflikt mit Israel keine Lösung gibt. Vor allem in dem Milieu, in dem wir uns bewegen – menschenrechts- und friedensbewegt, entwicklungspolitisch engagiert, oft mit kirchlichem Hintergrund –, gelten die Palästinenser als hilflose Opfer, denen unverschuldet ein Unglück widerfahren ist. Und das Unglück heißt Israel. Ich glaube, viele aus diesem Milieu haben vielleicht kein Problem mit den Juden, wohl aber mit dem Staat Israel – egal welche Politik er macht. Und dagegen schreibe ich an.

Katja: Deinen Vorwurf, dass Palästinenser immer erst als Opfer gesehen würden und zu wenig über ihre Mitverantwortung geschrieben würde, kann ich so nicht stehen lassen. Fakt ist doch, dass den Palästinensern ohne ihr Einverständnis Land genommen wurde, weil sich in diesem Gebiet mit Einwilligung der internationalen Gemeinschaft ein Staat Israel gebildet hat. Ich kann dieses Faktum doch nicht einfach außer Acht lassen. Diese Landnahme war ja auch kein einmaliger Akt vor bald 70 Jahren, sondern geht immer noch weiter mit der Siedlungspolitik. Bei einem Besuch in einem Flüchtlingslager etwa im Libanon kann man auf viele Familien treffen, die in der dritten oder vierten Generation als Flüchtlinge leben. Worin soll bitte deren Mitverantwortung liegen?

Autoren

Katja Dorothea Buck

ist Religionswissen- schaftlerin und Journalistin in Tübingen.

Tillmann Elliesen

ist Redakteur bei "welt-sichten".
Tillmann: Da kommen wir für mich zum Kern der Sache: Ich rede von der Verantwortung der Palästinenser, seit es Israel gibt – seit sie mit diesem Staat leben müssen. Mein Eindruck ist: Dass es bisher zu keiner für beide Seiten akzeptablen Lösung des Konflikts gekommen ist, wird allein Israel in die Schuhe geschoben – etwa so, als warteten die Palästinenser seit Jahrzehnten sehnsüchtig darauf, dass die israelische Regierung ihnen die Hand reiche und Frieden anbiete. Aber sind das palästinensische Volk und erst recht seine Führer wirklich mit der Existenz Israels versöhnt? Ich bezweifle das und bin überzeugt, dass am Scheitern etlicher Friedensbemühungen in der Vergangenheit auch die Palästinenser Anteil hatten – weil zu viele immer noch davon träumen, dass der Staat Israel vielleicht eines Tages doch wieder verschwindet. Und ich glaube, insgeheim hegen diesen Traum auch etliche Kritiker Israels hier bei uns.

Katja: Ja, es lässt sich sicher trefflich darüber streiten, inwieweit die Palästinenser in den letzten sieben Jahrzehnten mehr Verantwortung für den Frieden hätten übernehmen können. Aber beim Nahostkonflikt geht es nicht nur um Frieden. Sondern auch um das Thema Gerechtigkeit. Die ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass irgendwann mal Frieden und Versöhnung stattfinden können. Deswegen frage ich mich immer wieder, warum man sich darauf in der Diskussion hierzulande nicht einigen kann. Israelfreunde und Palästinafürsprecher beharken sich, als gehe es darum, den realen Konflikt im Nahen Osten mit Worten weiterzukämpfen. Diese Grabenkämpfe helfen weder Palästinensern noch Israelis. Vielleicht fehlt es da an einer gemeinsamen Zielsetzung. Was ich übrigens für eine intellektuelle Sackgasse halte, ist die apodiktische Forderung nach einem Bekenntnis zur Existenz des Staates Israels. Für Israel-Freunde und Vertreter des jüdisch-christlichen Dialogs hierzulande ist das quasi der Lackmustest, ob man mit einem Gegenüber überhaupt weiterdiskutiert. Problematisch dabei ist, dass der andere bekennen kann, so viel er will, im Zweifel wird ihm dann doch unterstellt, nur leere Worte zu reden. So kommen wir doch nicht weiter!

Tillmann: Stimmt, die Debatte ist schon ganz schön ritualisiert – auf beiden Seiten. Was den einen das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels ist, ist den anderen das penetrante Beharren darauf, Israel sei ein Unrechtsstaat so wie Apartheid-Südafrika. Dieser Vergleich ist meiner Ansicht nach nicht weniger eine intellektuelle Sackgasse: unhistorisch und reine Effekthascherei. Ganz ehrlich: Ich finde es keinen Verlust, wenn hierzulande Diskussionsveranstaltungen abgesagt werden, bei denen es vor allem darum geht, Israel auf diese Weise zu brandmarken. Aber um den Blick nach vorn zu richten: Du sagst, es fehlt eine gemeinsame Zielsetzung. Wie könnte die denn aussehen?

Katja: Historische Vergleiche sind immer mit Vorsicht zu genießen. Mir stößt es auch auf, wenn jemand, der weder in Südafrika gelebt hat noch in Israel/Palästina lebt, den Apartheid-Vergleich bemüht. Aber genauso kritisch empfinde ich es, Diskussionsveranstaltungen abzusagen. Zumal wenn es um Tagungen geht, bei denen Israelis und Palästinenser zusammenkommen, um sich auszutauschen – mit einem gemeinsamen Ziel: Gerechtigkeit und Frieden für Israelis und Palästinenser. Denen, die in dem Land leben, müssen wir zuallererst zuhören. Ich glaube, daran fehlt es in der deutschen Nahostszene am allermeisten.

Tillmann: Okay, offener Austausch und als Ziel Gerechtigkeit und Frieden für Israelis und Palästinenser – da bin ich sofort dabei. Wenn eine Veranstaltung aber wie neulich am Rande des Kirchentags reißerisch mit „50 Jahre israelische Besatzung. Wir dürfen nicht schweigen!“ betitelt ist, bin ich skeptisch, ob ich einen solchen offenen Austausch erwarten kann. Da rechne ich dann eher mit der üblichen Schwarzweiß-Malerei und einseitigen Anklage Israels. Und darauf verzichte ich.

Katja: Der Titel dieser und auch anderer Veranstaltungen zum Thema 50 Jahre Besatzung mag reißerisch sein, da kann ich mich anschließen. Letztendlich ist es aber Geschmacksache. Auch ist es manchmal nervig, wenn Veranstalter solcher Diskussionen uns mit dem Verweis auf unsere journalistische Integrität dazu verdonnern wollen, zu kommen und darüber auch bitteschön zu berichten. Da fällt es schwer, unvoreingenommen hinzugehen und einfach mal nur zuzuhören. Aber haben wir Journalisten nicht die Aufgabe, einen offenen Austausch zu fördern? Das frage ich mich ganz ehrlich. Damit sind wir jetzt an einem heiklen Punkt angekommen: Welche Rolle spielen eigentlich wir als Journalisten in dieser Auseinandersetzung?

Tillmann: Ich sehe meine Rolle nicht darin, den Austausch zu fördern. Das müssen Israelis und Palästinenser schon selbst hinkriegen. Ich berichte dann darüber und äußere hin und wieder auch mal meine Meinung. Und ich richte den Fokus auf Fragen und Aspekte, die meiner Ansicht nach zu kurz kommen. Welche das sind, hängt natürlich auch damit zusammen, wo ich mich äußere. Ich denke, Sympathie für die Sache der Palästinenser ist bei den meisten unserer Leser und Leserinnen selbstverständlich. Da erlaube ich mir, sie ab und zu mal mit etwas Verständnis für die andere Seite in diesem Konflikt zu konfrontieren. Und vielleicht auch ein wenig zu provozieren.

Katja: Klar, den Austausch zwischen Palästinensern und Israelis können wir Journalisten in Deutschland wohl kaum fördern. Anders sieht es aber bei der hiesigen Diskussion um den Nahostkonflikt aus. Da wurde in den vergangenen Jahren oft mit sehr harten Bandagen gekämpft, bis dahin, dass Veranstaltungen abgesagt werden. Das ist letztendlich eine Bankrotterklärung an die Fähigkeit zum Dialog. Wenn man sich hierzulande nicht mehr gegenseitig zuhören will, wie kann man dann noch fordern, dass Israelis und Palästinenser aufeinander zugehen sollen? Als Journalistin will ich bei einer solchen Debatte nicht noch Öl ins Feuer gießen und verzichte im Zweifelsfall lieber auf den einen oder anderen bissigen Kommentar. Eine ehrliche Auseinandersetzung ist mir da wesentlich lieber. In diesem Sinne danke ich Dir für diesen spannenden Austausch.

erschienen in Ausgabe 7 / 2017: Die Wüste lebt

Neuen Kommentar schreiben