Syrien: Die Wahrheit muss ans Licht

Ein vermummter, schwarz gekleideter Kämpfer der Gruppe Hayat Tahrir al-Sham steht mit einem Kalaschnikow-Gewehr im Januar 2025 hoch über der syrischen Stadt Homs.
Spencer Platt/Getty Images
Ein Kämpfer der islamistischen Miliz Hayat Tahrir al-Sham in Homs im Januar 2025, wenige Wochen nachdem sie das Assad-Regime gestürzt hat.
Nach dem Assad-Regime
Syrien leidet unter den Folgen des Kriegs und der jahrzehntelangen Diktatur. Um den Frieden zu sichern, fordert die Zivilgesellschaft in Städten wie Homs eine lückenlose Aufarbeitung. Doch die Übergangsjustiz weist strukturelle Schwächen auf – ohne eine konsequente strafrechtliche Verfolgung der Täter bleibt die Heilung der Gesellschaft ungewiss.

Die Straßen von Homs sind ausgestorben an diesem Freitag Ende Oktober 2025. Doch für Jussef Abdullah spielt das keine Rolle. Der Mann, der weder seinen richtigen Namen noch seinen Beruf nennen will, hat dieses Gebäude, in dem sich sein Büro und seine Wohnung befinden, seit dem Dezember 2024 kaum noch verlassen.

Abdullah ist Alawit und gehört damit der gleichen Konfessionsgruppe an wie der frühere Diktator Bashar al-Assad, der im Dezember 2024 gestürzt wurde. Zwar stamme er aus einer Familie, die der Opposition gegen das Assad-Regime nahegestanden habe, erzählt Abdullah. In der Folge sei sein Haus während des Kriegs vom Assad-Regime bombardiert worden. Und dennoch, sagt Abdullah, fühlt er sich heute, seit dem Sturz des Regimes, in seiner Stadt nicht sicher.

Gewaltausbrüche gegen religiöse Minderheiten

Die Lage in Syrien ist seit Monaten angespannt: Seit dem Sturz des Assad-Regimes kommt es immer wieder zu konfessioneller Gewalt, die sich meist gegen religiöse Minderheiten im Land richtet. In Homs würden Alawitinnen und Alawiten regelmäßig Opfer willkürlicher Tötungen, erzählt Abdullah im Oktober. Kurz vorher wurde eine Lehrerin vor ihrer Schule umgebracht. 

Im März 2025 massakrierten Mitglieder der Sicherheitskräfte der Übergangsregierung Hunderte von Alawitinnen und Alawiten, nachdem frühere Assad-Anhänger Sicherheitskräfte der Übergangsregierung angegriffen hatten. Vier Monate später eskalierten im Süden des Landes nach einem bewaffneten Überfall auf einen drusischen Händler Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen der Beduinen und Drusen. Über tausend Menschen wurden getötet, die Mehrheit von ihnen Drusinnen und Drusen.

Viele syrische und ausländische Kritiker der heutigen Übergangsregierung sehen in diesen Gewaltausbrüchen den Beweis, dass der Präsident der Übergangsregierung, Ahmad al-Sharaa, noch immer das ist, was er war: ein radikaler Islamist, der früher unter dem Kampfnamen Abu Mohammad al-Dscholani die Nusra-Front anführte, den syrischen Ableger der radikalislamischen Al-Kaida. Er sei damit eine existenzielle Gefahr für die religiösen Minderheiten im Land.

„Leben auf dem Berg der Zerstörung, den Assad geschaffen hat“

Dabei zeigt die Situation in Homs, wie komplex die Sache tatsächlich ist und dass man die Gewalt nicht einfach auf konfessionellen Hass zurückführen kann. Denn neben vielen anderen Faktoren treibt vor allem ein Problem bis heute Gewalt an: dass die Verbrechen des Bürgerkriegs, allen voran die des Assad-Regimes, nicht aufgearbeitet wurden.

„Wir leben noch immer auf dem Berg der Zerstörung, den Assad geschaffen hat“, sagt Abdullah. Damit meint er nicht nur die weitgehende physische Zerstörung, die der Krieg und insbesondere die Luftwaffe des Assad-Regimes und seiner Verbündeten über das Land gebracht haben. Ein Drittel der Wohnhäuser in Syrien wurde zerstört oder schwer beschädigt, die Hälfte des Stromnetzes ist außer Betrieb, ebenso zwei Fünftel aller Gesundheitseinrichtungen. Über eine halbe Million der 2011, vor dem Krieg, etwa 23 Millionen Menschen in Syrien wurden laut Angaben der Vereinten Nationen während des Kriegs getötet, die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Und über 170.000 Menschen sind verschwunden.

Im Stadtzentrum von Homs ­feiern Frauen im Dezember 2025 ein Jahr nach dem Ende der Diktatur. In der religiös gemischten Stadt war die Opposition gegen Assad besonders stark.

„Das Regime hat die Alawiten missbraucht“

Noch immer ist die Gesellschaft tief gespalten. Es gibt kaum eine syrische Familie, die keine Verwandten verloren hat, weil sie getötet wurden oder verschwunden sind. „Die Leute sind verletzt“, sagt Abdullah. „Wir sind noch immer in einer Situation, in der Reaktion auf Aktion folgt.“
Vieles von dem, was Abdullah sagt, drückt er abstrakt aus. Es ist klar, dass er, selbst wenn er anonym spricht, seine Worte sehr vorsichtig wählt.

Im Grunde ist das verständlich: Gegenüber den Alawiten in Syrien herrscht derzeit ein Klima des Generalverdachts. Auch wenn im Laufe der Kriegsjahre zahlreiche bewaffnete Gruppen im Syrienkrieg gekämpft haben, hat doch das Assad-Regime die meisten Opfer zu verantworten. Zudem rekrutierte der Geheimdienstapparat sich fast ausschließlich aus der alawitischen Gemeinschaft. Während Assad sich nach außen säkular gab, spielte der Konfessionalismus für die Machtsicherung des Regimes eine entscheidende Rolle. Es gab vor, die religiösen Minderheiten vor dem radikalen Islam zu schützen, und versuchte sich so deren Loyalität zu sichern. „Das Regime hat die Alawiten missbraucht“, sagt Abdullah.

Autorin

Meret Michel

ist freie Journalistin und ständige Mitarbeiterin von welt-sichten.

Als die Proteste 2011 ausbrachen, hat das Assad-Regime die friedlich Demonstrierenden von Anfang an als radikalislamische Terroristen dämonisiert. Dass die meisten der Protestierenden Sunniten waren, liegt nicht nur an der Politik des Teile-und-Herrsche, mit dem das Regime die Minderheiten über Jahrzehnte hin an sich band. Es lag auch schlicht daran, dass die Sunniten die Bevölkerungsmehrheit stellten.

Rückkehr nach 14 Jahren: Die Geschichte von Abdulhamid al-Saqqa

Homs war 2011 eine der ersten Städte, in der die Menschen zu Hunderttausenden gegen das Regime zu demonstrieren begannen. Das bekämpfte die Proteste hier wie überall, wo sie ausbrechen sollten, vom ersten Tag an mit äußerster Gewalt. Doch anders als an anderen Orten war die Repression in Homs offen konfessionell geprägt: An Checkpoints wurden Menschen aufgrund ihres Namens verhaftet. Stadtviertel wie das sunnitische Baba Amr, in dem sich ein Großteil der Bevölkerung dem Aufbegehren anschloss, wurden belagert und beinahe vollständig zerstört. Tausende wurden getötet oder verhaftet. Homs ist eine gemischte Stadt, vor allem Alawiten und Sunniten leben hier Stadtviertel an Stadtviertel.

Abdulhamid al-Saqqa ist im Dezember 2024 nach vierzehn Jahren nach Baba Amr zurückgekehrt. Er war 18 Jahre alt, als der Aufstand gegen Assad 2011 ausbrach. Wie viele junge Männer aus Baba Amr, die zunächst friedlich demonstrierten, hat auch al-Saqqa sich bald bewaffnet, um sein Viertel gegen die Repression des Regimes zu verteidigen.

Er kämpfte mit verschiedenen Rebellengruppen gegen das Regime und kam schließlich nach Idlib – zusammen mit zahlreichen anderen Kämpfern und Zivilisten, die aus jenen Orten vertrieben wurden, die das Assad-Regime von den Rebellen zurückeroberte. In Idlib schloss sich al-Saqqa der Hayat Tahrir al-Sham (HTS) an, der islamistischen Rebellengruppe, die vom heutigen Präsident Ahmad al-Sharaa angeführt wurde. Mit der HTS kehrte er im Dezember 2024 als Teilnehmer der Offensive, die das Assad-Regime nach 50 Jahren stürzen sollte, zurück nach Homs. Die HTS wurde mit der Bildung der Übergangsregierung aufgelöst.

Abdulhamid al-Saqqa hat im Krieg in der islamistischen Hayat Tahrir al-Sham gekämpft – nicht aus religiös-ideologischen Gründen, sondern weil die Regierung ihn und seine Familie terrorisiert hatte.

Ungewissheit in Baba Amr: Wenn die Täter des Regimes verschwinden

Im Oktober 2025 sitzt al-Saqqa auf einer Matratze im Wohnzimmer seines Hauses, das er in den vergangenen Monaten renoviert hat. Seine Erzählung macht deutlich, dass er nicht aus religiös-ideologischen Gründen zum Kämpfer geworden ist. Als er als 18-Jähriger aus Baba Amr vertrieben wurde, wünschte er sich vielmehr einzig den Sturz jenes Regimes, das so brutal gegen ihn, seine Familie und sein Stadtviertel vorgegangen war. „Der Tag, an dem das Regime stürzte, war der glücklichste meines Lebens“, sagt er mit Tränen in den Augen.

Die Zerstörung Baba Amrs ist noch immer augenfällig. Im oberen Stock von al-Saqqas Haus klafft ein riesiges Loch in der Decke von der Rakete, die hier vor Jahren eingeschlagen ist. Die Bilder der weitgehenden Zerstörung in Homs, die in den ersten Kriegsjahren auch bei uns zum Fanal für die Brutalität des Syrienkriegs geworden sind, stammen aus Stadtvierteln wie Baba Amr.

„2011 haben die Leute in Baba Amr demon­striert“, sagt al-Saqqa. „Das Regime hat Alawiten rekrutiert, die kamen und auf die Menschen schossen, die hier demonstrierten.“ Selbst als al-Saqqa längst in Idlib war, erreichten ihn Nachrichten, dass der General des Regimes, der für Baba Amr zuständig war, die Frauen einschüchterte, die im Viertel zurückgeblieben waren, deren Söhne gekämpft und Baba Amr längst verlassen hatten. Er habe Müttern gedroht, sie zu verhaften, weil ihre Söhne sich dem Aufstand angeschlossen hatten, und junge Männer willkürlich verhaften lassen, die später unter Folter gestorben seien.

„Jemandem wie ihm können die Menschen in Baba Amr unmöglich verzeihen“, sagt al-Saqqa. Nach dem Sturz des Regimes hätten die neuen Behörden die Nachricht verbreitet, dass der General gefasst worden sei. „Aber wir haben es nicht geglaubt“, sagt al-Saqqa. „Wir haben kein Bild von ihm gesehen.“ Andere Gerüchte kursierten, dass er noch auf freiem Fuß sei und irgendwo zwischen der libanesischen und syrischen Grenze lebe.

Strukturelle Schwächen der neuen Übergangsjustiz

Die Aufarbeitung der Verbrechen des Kriegs ist eine Mammutaufgabe. Und viele Fachleute kritisieren die Art, wie die Übergangsregierung das Thema bisher angegangen ist. Im Mai letzten Jahres hat die Übergangsregierung zwei Kommissionen ins Leben gerufen: eine für Übergangsjustiz und eine zweite für vermisste Personen. „Die beiden Kommissionen leiden unter strukturellen Schwächen“, sagt Fadel Abdul-Ghany, der Leiter des Syrischen Netzwerks für Menschenrechte.

Zum einen seien sie durch ein Präsidialdekret geschaffen worden statt durch ein Gesetz, was ihre Legitimität schmälere. Zudem werde mit der separaten Kommission für die Vermissten dieses Thema vom größeren Prozess der Übergangsjustiz abgetrennt. Und dass die Kommission für Übergangsjustiz nur mandatiert sei, die Verbrechen des Assad-Regimes aufzuklären und nicht auch die anderer Kriegsparteien, sei nicht vereinbar mit internationalen Normen. Auch wenn die meisten Verbrechen von diesem Regime begangen worden seien, dürfe Übergangsjustiz nicht selektiv stattfinden, so Abdul-Ghany. 

Er ist zwar dennoch vorsichtig optimistisch. Zumindest erkenne die Übergangsverfassung die Notwendigkeit für eine Übergangsjustiz an, und Zivilgesellschaft und die Behörden tauschten sich dazu aus. Doch um wirklich Frieden zu bringen, bräuchte es einen inklusiven Ansatz, der die Rechte aller Opfer schütze.

Wie die Zivilgesellschaft in Homs um Stabilität kämpft

Die Zivilgesellschaft, das sind in Homs Menschen wie Huda al-Saqqa. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern sitzt im Wohnzimmer ihrer Wohnung. Sie ist den ganzen Krieg über in Homs geblieben und engagiert sich seit dem Sturz des Regimes als Freiwillige in einem Ortskomitee, das Prob­leme des Stadtviertels diskutiert und dessen Anliegen an die Stadtverwaltung trägt. Zudem ist sie in einer Freiwilligengruppe aktiv, die jede Woche Diskussionsrunden organisiert.

Huda al-Saqqa lebt in Homs und engagiert sich seit dem Sturz des Assad-Regimes in einem Orts­komitee zu Problemen des Stadt­viertels.

„Die meisten Leute wollen Stabilität“, sagt sie. „Wir wollen in Richtung Zukunft gehen.“ Es brauche eine Grundversorgung und Arbeit für die Leute, sagt al-Saqqa. Aber das alles sei nur möglich, wenn sich die Sicherheitslage stabilisiere. Und dafür sei ein Prozess der Übergangsjustiz unumgänglich.

„Es ist wichtig, am Zusammenhalt der Gesellschaft zu arbeiten“, sagt sie. Das versuchten sie auch in ihren Diskussionsrunden: verschiedene Gruppen in Homs zum Gespräch zusammenzubringen. Doch al-Saqqa sagt auch: „Zuerst muss die Wahrheit ans Licht kommen. Die Leute, die Verbrechen begangen haben, müssen belangt werden. Bringt Bashar al-Assad her und macht ihm den Prozess.“ Dass seit Monaten in Homs Menschen getötet werden, sei das Ergebnis von vierzehn Jahren Krieg, der nicht aufgearbeitet werde. „Wir Syrer sind noch immer verletzt, wir wurden noch nicht geheilt.“

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erschienen in Ausgabe 2 / 2026: Die dritte Gewalt
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