Die Rückeroberung der Stadt Raqqa durch die syrische Übergangsregierung am 18. Januar 2026 bedeutet das Ende der kurdischen „Autonomen Verwaltung von Nord- und Ostsyrien“, auch bekannt als Rojava. Die militärische Niederlage ihrer Truppen, der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), steht auch für das Scheitern eines autoritären politischen Modells.
Das Ende von Rojava war in erster Linie eine Folge der Tatsache, dass der Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) nicht länger der seit 2014 geltenden Strategie folgt: Die USA und ihre Bündnispartner setzten im Kampf gegen die dschihadistische Organisation lange auf nichtstaatliche Kräfte; sie versorgten dazu die SDF mit Waffen und unterstützen die Autonomie von Rojava. Doch seit dem Sturz des Regimes von Bashar al-Assad im Dezember 2024 setzen die westlichen Länder zunehmend auf den Wiederaufbau des syrischen Staates und seiner nationalen Souveränität. Dass Damaskus im September 2025 in die Internationale Allianz gegen den Islamischen Staat aufgenommen wurde, nahm den Kurden ihren wichtigsten strategischen Hebel. Nun blieb für die westlichen Länder nur noch die Frage nach dem Schicksal der 9000 Gefangenen des IS im Nordosten des Landes wichtig, darunter auch Zivilisten.
Westliche Staaten setzen jetzt auf den syrischen Staat
Gleichzeitig zeichnete sich ab, dass die Staaten der Region, vom Golf bis zur Türkei, bewaffnete Autonomiebestrebungen der Kurden ablehnten und stattdessen für die Wiederherstellung eines starken syrischen Zentralstaats eintraten. So blieb den Kurden als einzig realistischer Weg nur die Integration von Rojava in den syrischen Staat.
Die Verhandlungen über deren Modalitäten begannen auf Druck der USA und Frankreichs im März 2025, gerieten aber aufgrund eines entscheidenden Gegensatzes rasch ins Stocken: Die Zentralregierung bestand auf ihrer Souveränität und wollte die Staatsmacht auf dem gesamten Territorium zur Geltung bringen. Dagegen strebten die kurdischen Vertreter eine gemeinsame Verwaltung ihrer Gebiete nach dem Prinzip einer de facto autonomen Region an. Ein neuer Waffengang war absehbar.
Er brachte dann innerhalb weniger Tage die militärische Niederlage Rojavas. Dies war eine Folge der internen Widersprüche des politischen Projekts der Autonomen Verwaltung. Zu Beginn, im Jahr 2015, war diese Selbstverwaltung nach den Prinzipien des Demokratischen Konföderalismus die einzige Möglichkeit für die kurdischen, arabischen und anderen Minderheiten der Region, angesichts des IS zu überleben. In der Folge hat sich Rojava als Alternative zur Diktatur von Bashar al-Assad etabliert. Aber das politische Gebilde wurde vom syrischen Zweig der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) geformt, die seit 2012 jede Opposition in den Gebieten unter ihrer Kontrolle unterdrückte, um im Umfeld der syrischen Revolution ihre eigene Revolution zu verwirklichen.
Die PKK gab in Rojava die Richtung vor
Im Grunde war Rojava von Anfang an ein autoritäres Regierungsmodell, das sich auf einen Sicherheitsapparat in den Händen der kurdischen Kader der PKK stützte. Diese autoritäre Ausrichtung wurde regelmäßig von der Bevölkerung und von Partnern der Anti-IS-Koalition kritisiert, ohne dass dies Reformen bewirkt hätte. Die Unterdrückung Oppositioneller verstärkte sich im Namen des Kampfes gegen den IS noch – ein im Nordosten Syriens generell zu beobachtendes Phänomen.
So entstand ein widersprüchliches System, das teils auf ideologische Mobilisierung setzte und teils auf Unterdrückung der Gesellschaft. Die kurdische Bevölkerung war starken ideologischen Mobilisierungsversuchen ausgesetzt, insbesondere über politische Schulungen und klientelistische Parteinetzwerke. Der Wille, die Gesellschaft umzuwälzen, hat zu einer katastrophalen Reform des Bildungssystems geführt; Quartierräte zur Kontrolle der Gesellschaft von unten wurden geschaffen. Die kurdische Bevölkerung hatte keine Wahl, als diese erzwungene Politisierung hinzunehmen, nicht zuletzt aus Furcht vor Zwangsrekrutierung oder Verhaftung.
Die arabische Mehrheit: Benachteiligt und streng kontrolliert
Die arabischen Bevölkerungsteile, die 70 bis 80 Prozent der Bewohner im Nordosten Syriens stellen, waren weniger der ideologischen Mobilisierung ausgesetzt, aber wurden streng kontrolliert. Eine auf Herkunft beruhende Hierarchie begrenzte ihre Einbeziehung in den Demokratischen Konföderalismus. Die arabischen Einwohner beteiligten sich zwar; sie stellen 70 Prozent der ungefähr 60.000 SDF-Angehörigen, der 30.000 lokalen Sicherheitskräfte und der 120.000 angestellten Funktionsträger der Zivilverwaltung. Aber sie bekamen in der Regel untere Posten und standen unter strenger Aufsicht der PKK-Kader, der sogenannten Cadros. Auch im Finanzsektor stand die Partei gegen die Gesellschaft: Die PKK sicherte sich bedeutende Einnahmen, während Investitionen in die öffentliche Versorgung und die Infrastruktur vernachlässigt wurden.
Nach dem Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 hofften in der Region viele, dass die autoritäre Herrschaft der PKK nachlassen und der syrische Staat zurückkehren werde. Aber Bewohner von Rojava, die zu protestieren wagten, wurden unterdrückt, potenzielle Gegner von den Sicherheitskräften drangsaliert. Derzeit werden die Haftanstalten geöffnet, das ermöglicht ein klareres Bild des Systems: Zahlreiche Jugendliche, die jetzt freikommen, waren für angeblich politische Vergehen inhaftiert wie den Besitz der neuen syrischen Flagge oder von Bildern des syrischen Übergangspräsidenten Ahmad al-Scharaa oder weil sie Lieder mit Bezug zur syrischen Revolution verbreitet haben sollen.
Die kurdischen Geheimdienste überwachten auch die sozialen Netzwerke, verbotene Inhalte konnten zur Verhaftung führen. Betroffenen wurde oft Terrorismus, unzulässige Informationsweitergabe oder Angriffe auf die Sicherheit vorgeworfen. Alle Freigelassenen berichten, dass Prügel und Folter an der Tagesordnung waren. Der kurdische Unterdrückungsapparat rechnete also mit einem Aufstand und versuchte, jede Mobilisierung zu ersticken.
Die arabischen SDF-Einheiten desertierten oder meuterten
Aber dann fiel die Region nicht durch Mobilisierung von Opposition, sondern durch einen Volksaufstand. Gleich zu Beginn der Operationen der syrischen Armee gegen die Kurdenviertel von Aleppo am 6. Januar 2026 wurde in den arabischen Regionen von Rojava der Notstand ausgerufen. Wie zuvor geplant, bezogen die SDF an sorgfältig ausgebauten Verteidigungslinien Stellung, zu denen Hunderte Kilometer Tunnel gehörten. Doch als die syrische Armee die Stadt Tabqa im Süden des Euphrat einnahm und sich anschickte, auf Raqqa vorzurücken, brach das gesamte System in der Nacht vom 17. auf den 18. Januar zusammen. Zahlreiche Gesprächspartner berichten, dass die SDF den Befehl zum Kampf erhielten, aber beim ersten Feindkontakt aufgaben.
Dasselbe geschah entlang der gesamten Feuerlinie von Deir ez-Zor bis Raqqa: Die arabischen Einheiten, die die Mehrheit der SDF bildeten, desertierten oder meuterten. Das schaltete ihre Kampfgruppen insgesamt aus und zwang ihre syrisch-kurdischen Offiziere sowie die Kader der PKK zur Flucht. Es gibt noch keine Bilanz der Verluste, aber die meisten Toten waren arabische SDF-Kämpfer, die als Deserteure von ihren Offizieren hingerichtet wurden, oder kurdische Offiziere, die von ihren eigenen Männern getötet wurden, als sie zu fliehen versuchten. Nach mehreren Quellen haben die kurdischen Kräfte mehr als 550 Mann verloren, die Regierungstruppen 250.
Volksaufstand gegen die kurdischen Kräfte
Gleichzeitig standen die kurdischen Institutionen von Rojava einem Volksaufstand gegenüber, der am Morgen des 18. Januar begann und sich mit dem Vorrücken der syrischen Armee ausweitete. Kurdische Kampfeinheiten der PKK erhielten Befehl, ihn brutal niederzuschlagen, wurden jedoch sehr schnell überwältigt. In Raqqa beispielsweise ging die Zivilbevölkerung von 8 Uhr morgens an auf die Straßen. Die Menschen versammelten sich zunächst zögerlich wegen der Scharfschützen, die laut Meldungen der Krankenhäuser der Stadt 22 Menschen töteten und etwa hundert verletzten. Doch gegen Mittag zogen sich die kurdischen Kräfte angesichts der massenhaften Mobilisierung zurück. Der Einmarsch der syrischen Armee gegen 17 Uhr war dann eher eine Sicherheitsmaßnahme für die Zivilisten gegen die letzten aktiven Scharfschützen.
Der Zusammenbruch der SDF in der Stadt Til Birak war noch bezeichnender. Trotz der strategischen Bedeutung dieser Stadt an der Straße zwischen Qamischli und al-Hasaka und ihrer beeindruckenden Verteidigungsstellungen dauerten die Kämpfe dort nur wenige Minuten. Man zählte hier 185 SDF-Kämpfer arabischer Herkunft unter dem Befehl von 35 kurdischen Offizieren und acht Kadern der PKK, von denen fünf kein Arabisch sprachen und ihre Befehle per Übersetzer gaben – so berichten es Deserteure und Einwohner der Stadt.
Bei der Ankunft der syrischen Armee im Lager al-Hol am 20. Januar kontaktierten einige arabische Soldaten der SDF Bekannte auf Regierungsseite. Sie schlugen vor, sich zu ergeben, und bereiteten eine Meuterei gegen die kurdischen Offiziere vor; dafür sollte die syrische Armee ihnen zusichern, zu ihrem Schutz auf Til Birak vorzurücken. Das Manöver fand am 21. Januar statt. Die syrische Armee brauchte aber aufgrund verminter Straßen und Angriffen mit Kamikaze-Drohnen länger als vorgesehen. Dennoch gelang es den Aufständischen, strategische Punkte der Stadt zu kontrollieren, während die arabische Bevölkerung den Aufstand wagte. Die kurdischen Offiziere und Kader flohen, wobei sieben Zivilisten bei Schusswechseln starben. Auch hier marschierte die syrische Armee in eine befreite Stadt ein, ohne selbst einen Schuss abzugeben.
Bisher ist offen, inwieweit Damaskus diskret Kontakte zu arabischen Führern der SDF genutzt und sie zur Meuterei angestiftet hat. Motor der Revolte sind jedoch nicht Stammesnetzwerke, sondern ehemalige Kämpfer der Freien Syrischen Armee (die bildete sich 2011 im Kampf gegen Assad und operierte, stark geschwächt, ab 2016 unter türkischem Einfluss in Nordsyrien; Anm. d. Red.) oder lokale Kader, die während des Bürgerkriegs nach Idlib geflohen waren, das Rückzugsgebiet der Kämpfer des heutigen Präsidenten. Laut zahlreichen Gesprächen organisierten sie als erste in der Nacht vom 17. auf den 18. Januar Gruppen von Aufständischen.
Paradoxerweise hat der Zusammenbruch der SDF den Nordosten Syriens vor einem Krieg der verschiedenen Bevölkerungsgruppen bewahrt. Das politische Projekt der PKK hatte die Gesellschaft auf einen langen Kampf vorbereitet. Aber Hunderte Kilometer Tunnel und Tausende Tonnen Waffen, die in Vorbereitung auf einen Krieg gegen die Türkei und mit ihr verbündete Kräfte zusammengetragen worden waren, konnten einen Volksaufstand nicht verhindern.
Das Abkommen mit der Regierung ist eine Chance
Das erlaubt nun der Führung der syrischen Kurden, sich frei vom Druck seitens der PKK wieder in den politischen Prozess einzubringen. Das am 29. Januar geschlossene Abkommen mit der Regierung in Damaskus ist ein enormer Fortschritt für die kurdische Bevölkerung, während es die Niederlage der PKK in Syrien besiegelt. Der Kompromiss garantiert den Schutz der kurdischen Gebiete und die Anerkennung ihrer kulturellen und politischen Rechte, die in der neuen Verfassung verankert werden sollen. Für die Sicherheitskräfte sieht das Abkommen vor, drei kurdische Brigaden in der Region von al-Hasaka und eine in Ain Al-Arab (Kobanê) zu bilden.
Das ermöglicht, die Funktionäre der Autonomieverwaltung, die lokalen Sicherheitskräfte von Rojava sowie die Kämpfer des bewaffneten Arms der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union in den Apparat des syrischen Staats einzugliedern – trotz der früheren Meinungsverschiedenheiten über das richtige Regierungsmodell. Schließlich ist die Regelung zu den Zivilangestellten eine tragende Säule des Abkommens: Die etwa 150.000 Funktionsträger der früheren Autonomieverwaltung, einschließlich in arabischen Regionen wie Deir ez-Zor und Raqqa, behalten ihre Posten. Damaskus hat sich bereiterklärt, sie nach Überprüfung ihrer Qualifikationen in den Staatsapparat zu übernehmen.
Im Sinne der Befriedung hat sich Damaskus verpflichtet, die reguläre Armee nicht in mehrheitlich von Kurden bewohnten Gebieten einzusetzen. Anders als beim Einsatz an der Küste gegen Alawiten im März 2025 und in as-Suwaida im Streit zwischen Drusen und Beduinen Mitte 2025, wo Disziplinmangel in der Truppe zu Massakern geführt hat, scheint der derzeitige Übergang in den kurdischen Regionen stärker am Modell eines politischen Machtwechsels orientiert. Der bleibt allerdings gefährdet; die Frage ist, ob sich die PKK zurückziehen oder versuchen wird, die kurdische Gesellschaft wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Die kurdische Mobilisierung, die man derzeit beobachten kann, wirkt auf eine politische Öffnung hin: Kurdische Parteien kehren in Syrien zurück und die Bevölkerung lehnt die Herrschaft der PKK ab.
Aus dem Französischen von Thomas Wollermann.
Das Original ist auf der unabhängigen Plattform https://orientxxi.info/ erschienen.
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