EKD-Rat in Namibia
Gottesdienst während der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) 2017 in Namibia.
EKD-Rat in Namibia

Heikles Terrain für die evangelische Kirche

Vor knapp einem Jahr hat die Schulderklärung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Völkermord an den Herero und Nama für Unruhe in Namibia und Kritik in Deutschland gesorgt. Anfang März wird nun eine EKD-Delegation nach Namibia reisen. Zu welchem Zweck, will sie allerdings nicht sagen.

Nach der Namibia-Reise gefragt, gibt sich das Kirchenamt in Hannover derzeit schmallippig. Mehrere Anfragen zum Zweck der Reise wurden nur nichtssagend beantwortet, mit dem Besuch wolle man die kirchliche, soziale und politische Situation wahrnehmen. Es ist aber ungewöhnlich, dass sich der EKD-Ratsvorsitzende, seine Stellvertreterin und die Vorsitzende der EKD-Synode gemeinsam ins Flugzeug setzen. Mit Heinrich Bedford-Strohm, Annette Kurschus und Irmgard Schwaetzer reisen Mitte März die höchsten Repräsentanten der EKD nach Namibia. Das allein weist schon auf heikles Terrain hin. Zusammen mit sechs Ratsmitgliedern und weiteren Funktionsträgern im Kirchenamt wollen sie drei Tage lang die 5000 Mitglieder zählende deutschsprachige Evangelisch-lutherische Kirche ELKIN (DELK) in Namibia besuchen.

Die ELKIN (DELK) ist die Nachfolgeinstitution der Kirche, der vor hundert Jahren viele der deutschen Kolonialherren angehörten. Die EKD unterhält zu dieser Kirche seit langem eine privilegierte Beziehung. Drei der sieben Pfarrstellen werden von der EKD besetzt. Die Kirche erhält zudem finanzielle Unterstützung für die pastorale Betreuung von Auslandsdeutschen in Namibia.  

Im April 2017 veröffentlichte die EKD eine Schulderklärung zum Völkermord an den Herero und Nama, in der sie die Verantwortung für ihre Vorgängerinstitution übernimmt und um Vergebung bittet. Die deutschen Pfarrer im damaligen Deutsch-Südwestafrika hätten dem imperialen Machtanspruch und der kolonialen Herrschaft die theologische Rechtfertigung geliefert und „somit den Boden für den Tod vieler tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen mit vorbereitet“. Die Schulderklärung endet mit der Ankündigung, die EKD werde die Partnerschaft mit der ELKIN (DELK) neu ausrichten. Diese sei „immer noch Folge und Ausdruck des kolonialen Ursprungs unserer Beziehungen“, heißt es in dem Text.

Für manche geht die Schulderklärung nicht weit genug

Bei der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes im Mai 2017 in Windhuk erntete die EKD dafür viel Anerkennung. Bei Namibia-Kennern in Deutschland stieß der Text aber auf Kritik. Für die Solidarische Kirche im Rheinland geht die EKD in ihrer Schulderklärung nicht weit genug. Deswegen fordert sie nun, „dass die Delegation der EKD auf ihrer Reise die ELKIN (DELK) auf die Mitverantwortung der damaligen Windhoeker Gemeinde für den Völkermord anspricht“, schreibt sie in einer Erklärung Mitte Februar. Die Solidarische Kirche erwartet außerdem, dass die EKD ihre Verträge mit der ELKIN (DELK) kündigt.

Doch auch in Namibia sorgte die Schulderklärung der EKD für Unruhe. Burgert Brand, der Bischof der ELKIN (DELK), erhielt damals viele Anfragen von Kirchenmitgliedern, wie denn dieser Text zustande gekommen sei. Im September stellte er schließlich in einem offenen Brief klar, dass die Schulderklärung „allein von der Evangelischen Kirche in Deutschland verantwortet wird“ und die ELKIN (DELK) keine EKD-Landeskirche, sondern „eine eigenständige und unabhängige namibische Kirche“ sei.

Im Gespräch mit „welt-sichten“ sagte Brand, dass er sich damit nicht inhaltlich von der Schulderklärung distanzieren, sondern gegenüber seiner Gemeinde deutlich machen wollte, dass er bei der Formulierung des Textes nicht einbezogen war. So wie viele in seiner Gemeinde fühle er sich „durch die Formulierung, die partnerschaftlichen Beziehungen seien noch immer Folge und Ausdruck des kolonialen Ursprungs, niedergemacht; als wären wir nur ein Appendix der Kolonialgeschichte und keine Partner“, sagte Brand.

Bischof Brand: „Bitte lasst uns selbst entscheiden“

Kein Kirchenmitglied bestreite, dass das, was zwischen 1904 und 1908 geschehen ist, schrecklich sei. „Wir führen diese Diskussion innerhalb der Kirche und wir wollen auch Schritte der Versöhnung mit den anderen namibischen Kirchen gehen. Aber bitte, lasst uns selbst entscheiden, wie das zu geschehen hat und sagt uns nicht von außen, was wir tun sollen“, appelliert Brand an die deutschen Kirchenvertreter. Der Weg der Versöhnung brauche Zeit und einen langen Atem und müsse von denen gegangen werden, die es unmittelbar betrifft.

Zu den unmittelbar Betroffenen gehören neben der ELKIN (DELK) auch die beiden anderen großen lutherischen Kirchen im Land, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia (ELCIN) mit 770.000 Mitgliedern und die Evangelisch-Lutherische Kirche in der Republik Namibia (ELCRN) mit 420.000 Mitgliedern, darunter die heutigen Herero und Nama. Diese beiden Kirchen hatten von der EKD-Schulderklärung erst erfahren, als sie längst veröffentlicht war. Und sie stehen jetzt auch nicht auf dem offiziellen Besuchsprogramm der EKD-Ratsdelegation, wie Shekutaamba Nambala, der Bischof der ELCIN gegenüber „welt-sichten“ klargestellt hat.

Auch er mahnt aber, das Thema Versöhnung den Namibiern zu überlassen. „Wir (Namibier und Deutsche) haben eine lange gemeinsame Geschichte. Was in der Vergangenheit geschehen ist, ob es gut oder schlecht war, ist geschehen“, schreibt Bischof Nambala. Deswegen gebe es keine Eile bei Dingen, die längst geschehen sind. „Die Aufgabe unserer Generation ist es, das Beste für künftige Generationen herauszuholen.“

erschienen in Ausgabe 3 / 2018: Kunst und Politik: Vom Atelier auf die Straße

Kommentare

Die ELKIN (DELK) mit ihren 5000 Mitgliedern ist natürlich keine Landeskirche der EKD, wie Bischof Brand zurecht feststellt. Aber sie hängt auch nach 18 Jahren Unabhängigkeit Namibias und 68-jähriger gemeinsamer Geschichte mit fast der Hälfte ihrer von der EKD entsandten Pfarrerschaft noch immer am Tropf der EKD. Dabei gehören die Mitglieder dieser namibischen Kirche überwiegend zu den noch höchstens etwa 20.000 Angehörigen einer deutschsprachigen Minderheit, die inzwischen nur noch weniger als ein Prozent der namibischen Bevölkerung ausmacht. Bei dieser Minderheit handelt es sich aber um eine der weltweit privilegiertesten Minderheiten, mit dem auch unter den Weißen größten Durchschnittseinkommen und dem vielfach von Deutschland geförderten höchsten Bildungsniveau.
So bildet die DELK mit ihren vielen kirchlichen Angeboten und regen Gemeindeleben, das auch die EKD-Delegation zu sehen bekommt, eine kleine Wohlstandsinsel inmitten einer von immer noch übergroßer Armut gekennzeichneten Umwelt.
Dass der relative Reichtum der deutschsprachigen Minderheit zu einem guten Teil auf die Kolonialzeit zurückgeht, den damit verbundenen Völkermord und die Landwegnahme gegen den Herero und Nama, ist eine Tatsache.
Dass die jetzt bestehende „Partnerschaft“ zwischen EKD und DELK in Wirklichkeit „Folge und Ausdruck kolonialen Ursprungs ist“, ist eine Erkenntnis, die auch in dem EKD-Schuldbekenntnis formuliert ist.
Heute bildet die DELK einen Hort für Mitglieder und Synodale, die den Völkermord leugnen. Wenn man den Artikel von Katja Buck liest, fragt man sich, was den Rat der EKD getrieben hat, eine solche aufwendige Reise mit einem derartigen Aufgebot zu unternehmen.

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