Heftige Vorwürfe an die Glaubensgeschwister

Mohammad Nazal / Middle East Images / AFP via Getty Images
Eine palästinensische Christin liegt nach einem Angriff jüdischer Siedler auf ihr Haus in der Stadt Birzeit im Westjordanland im Januar 2026 verletzt in einem Krankenhaus in Ramallah.
Palästinensische Christen
Palästinensische Christen kritisieren scharf, dass Kirchen anderswo, gerade in Deutschland, Israels Vorgehen in Gaza und der Westbank nicht verurteilen. Zu diesen Vorwürfen schweigen die deutschen Kirchen bisher.

Palästinensische Befreiungstheologen gehen in dem Ende 2025 veröffentlichten Dokument „Glaube in Zeiten des Genozids“ der Frage nach, welche Antworten der christliche Glaube auf den Krieg in Gaza und die Annexionspläne für das Westjordanland haben. Sie kritisieren darin auch hart, dass viele Kirchen weltweit diesen Fragen aus dem Weg gehen und Israels Vorgehen nicht eindeutig verurteilen. Das Papier stammt von der ökumenischen Gruppe Kairos Palestine und folgt auf deren erstes Dokument, das 2009 unter dem Titel „Die Stunde der Wahrheit“ veröffentlicht wurde. Aber anders als damals schweigen die deutschen Kirchen offiziell zu dem neuen, weit schärferen Aufruf.

Der Aufruf greift diejenigen Christen an, die ihre Solidarität mit dem Staat Israel biblisch begründen. Solche Argumente sind zum einen im christlichen Zionismus zu finden, einer theologischen Strömung, die in vielen Kirchen bis hin auf Gemeindeebene vertreten wird und in den Landverheißungen Gottes an das Volk Israel im Alten Testament die Rechtfertigung für die heutige Landnahme und Besatzung palästinensischer Gebiete sieht. Dies sei Häresie, eine Irrlehre, heißt es bei Kairos Palestine. 

Vernichtende Kritik üben die Autoren auch am christlich-jüdischen Gespräch, das gerade in den evangelischen Kirchen in Deutschland aus gutem Grund seit Jahrzehnten gepflegt wird. Nachdem sie über die Jahrhunderte mit christlichem Antijudaismus zur Judenverfolgung in Europa bis hin zur Judenvernichtung im Nationalsozialismus beigetragen hatten, haben vor allem evangelische Theologen nach 1945 Beziehungen zum Judentum geknüpft und mit der Zeit immer weiter ausgebaut.

Härter kann man sich unter Theologen kaum kritisieren

Ihnen werfen die Autoren des Kairos-Dokuments vor, die Augen vor dem Leid der Palästinenser zu verschließen, um ihre Beziehungen zu jüdischen und israelischen Gesprächspartnern nicht zu gefährden. „Wir palästinensischen Christen sind zutiefst schockiert über die Positionen vieler Kirchen, die (…) angesichts des Völkermords an unserem Volk schweigen. Manchmal stellen sie den jüdisch-christlichen interreligiösen Dialog über Wahrheit, Menschenwürde und das Leben selbst und ignorieren dabei den Kontext. Sie verurteilen die eine Seite und entschuldigen die andere – oder schweigen einfach. Manche gehen sogar so weit, Positionen einzunehmen, die Völkermord billigen, unterstützen oder dazu aufrufen.“ Härter kann man sich unter Theologen kaum kritisieren. 

Doch härter könnte auch der Kontext kaum sein, in dem das Dokument entstanden ist. Gaza ist vollständig zerstört. 72.000 Menschen haben ihr Leben verloren. Zehntausende Tote werden noch unter den Trümmern vermutet. Im Westjordanland treiben radikale Siedler ungehindert ihr Unwesen. Und offen spricht man im israelischen Parlament bereits von einer Annexion des Westjordanlands. 

„Wir erleben, dass das Völkerrecht und die Menschenrechte in Palästina ungestraft gebrochen werden können. Dass Kirchen weltweit dazu schweigen, ist ein moralisches Totalversagen“, sagt Fadi Diab, anglikanischer Priester in Ramallah und einer der Autoren des Dokuments. „Es verletzt uns zutiefst, dass unser Leid und all die Ungerechtigkeit, die wir erleben, nicht einmal von unseren Partnern in ihren Ländern öffentlich angeprangert wird.“

Das frühere Papier hatte heftige Diskussionen ausgelöst

Tatsächlich ist es in Deutschland auffallend ruhig um „Glaube in Zeiten des Genozids“. Das Vorgängerdokument „Die Stunde der Wahrheit“ von 2009 hatte noch heftige Diskussionen ausgelöst – vor allem darüber, ob sich die Kirchen dem Aufruf zum wirtschaftlichen Boykott gegenüber Israel anschließen sollten. Deutsche Theologen und Kirchenvertreter warfen ihren palästinensischen Kollegen unter anderem christlichen Antijudaismus vor. Einen Boykottaufruf gegenüber Israel könne man niemals unterstützen. 

16 Jahre später wählen die Autoren von Kairos Palestine wesentlich schärfere Worte zu Israels Politik wie „Genozid“, „ethnische Säuberung“, „Apartheid“, „Kolonialismus“ und „zionistischer Rassismus“. In Deutschland führen diese Begriffe regelmäßig zu unversöhnlichen Auseinandersetzungen. Doch während das Papier international in kirchlichen Kreisen und Gremien längst diskutiert wird, zum Beispiel in den USA, in Südafrika und in Skandinavien, herrscht in Deutschland Schweigen. 

Bisher liegt weder ein internes Gesprächsangebot an die Autoren vor, noch gibt es eine öffentliche Stellungnahme von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) oder einer ihrer 20 Mitgliedskirchen. Im Dezember 2025 hat die EKD sogar Verantwortlichen aus den Landeskirchen, die eine Reise nach Jerusalem planten, in einer internen Kommunikationsleitlinie geraten, sich möglichst nicht zum neuen Kairos-Dokument zu äußern. Die Kommunikationsleitlinie liegt der Redaktion vor. 

Die EKD verweist auf zwei Papier aus dem Jahr 2017

Auf Anfrage von „welt-sichten“ heißt es jetzt von Seiten der EKD, dass man das Papier kenne und die Evangelische Mittelostkommission (EMOK) sich kontinuierlich mit der Situation der Christen im Nahen Osten befasse; sie arbeite auch an einer Stellungnahme zum Kairos-Dokument. Ein Sprecher verweist noch auf zwei Papiere der EMOK zum Nahen Osten (hier und hier). Beide sind allerdings von 2017. 

Auch die Kirchenleitenden, die in den vergangenen Monaten im Nahen Osten waren und in direktem Kontakt zu palästinensischen Christen stehen, haben sich bisher nicht zum neuen Kairos-Dokument geäußert. Auf Anfrage von „welt-sichten“ sind einige zum vertraulichen Gespräch bereit und sprechen von einer großen Unsicherheit im Umgang „mit diesem komplexen Thema, das uns alle sehr bewegt“. Man wolle gerne beide Seiten sehen, sagt ein Landesbischof. Ein anderer bittet um Verständnis, dass man sich nicht zum Kairos-Dokument äußere. Gleichwohl sei man mit den Partnern vor Ort in Kontakt, kenne ihre Positionen und auch ihre Situation. 

Sie wollen mehr zu Menschenrechte lesen? Auf unserer Themenseite finden Sie weitere Berichte, Meinungen und Hintergründe dazu!

Von einer anderen Kirchenleitung heißt es, man bedauere, dass Kairos-Palestine „kein Konsens-Papier darstelle“, was es schwierig mache, sich dazu zu äußern. Und immer wieder wird kritisiert, dass darin die „Kampfbegriffe Genozid, Apartheid und ethnische Säuberung“ auftauchen. 

Gerade über diese Kritik kann Fadi Diab nur den Kopf schütteln. „Wir erwarten von niemandem, dass er unsere Formulierungen übernimmt. Aber bitte findet eure eigenen Worte, mit denen ihr unsere Situation und unsere Not öffentlich in euren Ländern ansprecht.“

Für den Befreiungstheologen Mitri Raheb aus Bethlehem, der ebenfalls zu den Autoren gehört, weist das Kairos-Dokument weit über den palästinensischen Kontext hinaus. „Wir stellen die Frage, wie Kirchen damit umgehen wollen, dass in der Welt immer häufiger nur noch das Recht des Stärkeren gilt. Je weniger Kirchen dagegen etwas sagen, desto eher können Regierungen annehmen, dass die Kirchen ihren Kurs mittragen.“

Neuen Kommentar hinzufügen

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Wählen Sie bitte aus den Symbolen die/den/das Skateboard aus.
Mit dieser Aufforderung versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.
Dies ist keine Paywall.
Aber Geld brauchen wir schon:
Unseren Journalismus, der vernachlässigte Themen und Sichtweisen aus dem globalen Süden aufgreift, gibt es nicht für lau. Wir brauchen dafür Ihre Unterstützung – schon 3 Euro im Monat helfen!
Ja, ich unterstütze die Arbeit von welt-sichten mit einem freiwilligen Beitrag.
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!
„welt-sichten“ schaut auf vernachlässigte Themen und bringt Sichtweisen aus dem globalen Süden. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Warum denn das?
Ja, „welt-sichten“ ist mir etwas wert! Ich unterstütze es mit
Schon 3 Euro im Monat helfen
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!