Wie Indien, Südafrika, Brasilien und Nigeria den Iran-Krieg sehen

picture alliance / Xinhua News Agency/Shiraaz Mohamed
In Johannesburg in Südafrika haben am 7. März Demonstranten gegen die Angriffe von Israel und den USA auf den Iran protestiert.
Krieg im Nahen Osten
Der Angriff der USA und Israels auf den Iran und dessen Gegenschläge haben dramatische Folgen im Nahen Osten und darüber hinaus: Zivilisten sterben, die Not nimmt zu, Menschen flüchten, die Öl- und Lebensmittelpreise steigen. Die Staatschefs von Indien, Südafrika, Brasilien und Nigeria versuchen den diplomatischen Spagat, und Bürger dieser Länder spüren die Auswirkungen vor allem in der Geldbörse.

Indien: Kritiker prangern das Schweigen der Regierung an

Nur wenige Tage, bevor Israel und die USA den Iran angriffen, war der indische Premierminister Narendra Modi in Israel zu Besuch und hielt eine Rede vor der Knesset, dem israelischen Parlament. Er erklärte, in Indien herrsche „große Bewunderung für Israels Entschlossenheit, Mut und Errungenschaften“. In Indien löste Modis Besuch Kontroversen aus: Politische Kommentatoren interpretierten ihn als Zeichen für Indiens sich vertiefendes strategisches Engagement mit Israel – einem Land, dem eine UN-Kommission Völkermord im Gazastreifen vorgeworfen hat. 

Als der oberste Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, bei den Angriffen der USA und Israels getötet wurde, hielt sich Indien zurück. Modi äußerte zwar „Besorgnis“ über den Krieg, verzichtete aber auf eine direkte Verurteilung. Kritiker prangerten Indiens Schweigen an. Viele – darunter die renommierte Schriftstellerin Arundhati Roy – bezeichneten Indiens Reaktion auf den „illegalen“ Angriff auf den Iran als „feige“ und warfen der indischen Regierung „Rückgratlosigkeit“ vor. Indiens ehemaliger nationaler Sicherheitsberater Shivshankar Menon warnte, dass Indiens anhaltendes Schweigen zu großen internationalen Krisen nun seinen globalen Einfluss zu schwächen drohe. Er sagte im indischen Fernsehen: „Wenn man die ganze Zeit schweigt, verliert man an Stimme … die Welt hört einem nicht mehr zu.“

In mehreren indischen Städten gingen jedoch Demonstranten auf die Straße, um die Ermordung Khameneis zu verurteilen. Die schiitische Gemeinschaft des Landes veranstaltete Mahnwachen, Proteste und Trauerversammlungen in Städten wie Delhi, Lucknow, Hyderabad und Kaschmir und trauerte um Khamenei als religiösen und spirituellen Führer. Manche Demonstranten verbrannten sogar Puppen des US-Präsidenten Donald Trump und von Israels Premier Benjamin Netanjahu. 

Trotzdem unterstützt die Mehrheit der Inder die iranische Regierung nicht. Der Iran ist das größte schiitische Land der Welt. Daher kommt Unterstützung für es größtenteils aus der schiitischen Gemeinschaft in Indien; auch Teile der sunnitischen Gemeinschaft haben die Ermordung des Ayatollahs verurteilt. 

Während die Regierung Modi die Eskalation des Krieges in den letzten Wochen schweigend mit ansieht, wurden Oppositionsparteien und Menschenrechtsaktivisten sehr deutlich. Der Oppositionsführer Rahul Gandhi sagte: „Die einseitigen Angriffe auf den Iran sowie die Angriffe des Iran auf andere Nationen im Nahen Osten müssen verurteilt werden.“ Ein weiterer Führer, D. Raja von der Kommunistischen Partei Indiens (CPI), sagte: „Diese Handlungen stellen einen schwerwiegenden Verstoß gegen das Völkerrecht und die Grundprinzipien der Charta der Vereinten Nationen dar.“

Zeitungen und Nachrichtenwebsites berichten auf ihren Titelseiten über die Angriffe auf den Iran und Teherans Vergeltungsmaßnahmen. Der Großteil der Berichterstattung konzentriert sich jedoch auch darauf, wie sich dies auf Indiens Wirtschaft, die regionale Stabilität, die Energiesicherheit und die in den Golfstaaten lebenden und arbeitenden indischen Bürger auswirken könnte. Indien bezieht fast die Hälfte seines Öls über die enge Straße von Hormus. 

Schon jetzt spüren die Inder die Auswirkungen der zunehmenden Spannungen im Nahen Osten. Störungen im Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus haben die Preise für Kochgas in die Höhe getrieben und die Versorgung der Restaurants eingeschränkt. Viele Lokale haben ihre Speisekarten gekürzt, ihre Öffnungszeiten verkürzt oder vorübergehend geschlossen, während alltägliche Lebensmittel wie Rotis, Dosas und Pooris verschwunden sind. Einige Restaurants erheben zudem Flüssiggas-Zuschläge auf die Rechnungen, um die höheren Kosten zu decken. Maroosha Muzaffar

Südafrika: Schlingerkurs im Iran-Krieg

Die Reaktion aus Pretoria auf die Angriffe der USA und Israels gegen den Iran fiel deutlich aus. Die wichtigste Regierungspartei, der Afrikanische Nationalkongress (ANC), sprach von einem „Angriff auf die staatliche Souveränität“ Irans und warf Washington und Jerusalem „Bullying“ vor. Der Direktor des Außenministeriums zitierte in lokalen Medien lange Auszüge des Völkerrechts, was durchaus bemerkenswert ist, denn Südafrika hat die völkerrechtswidrige Invasion des BRICS-Partners Russland in der Ukraine nie wirklich verurteilt. 

Die politische Nähe zu Teheran hat historische Wurzeln. Während des Befreiungskampfes gegen die Apartheid unterstützte der Iran nach der Revolution von 1979 internationale Sanktionen gegen das damalige südafrikanische Apartheidregime. Das prägt die Außenpolitik des ANC bis heute. In internationalen Gremien enthält sich Südafrika bei Resolutionen gegen Teheran regelmäßig oder stimmt sogar dagegen – eine Haltung, die immer wieder für Irritationen sorgt. „Dieses Bündnis hat Südafrikas Beziehungen zum Westen belastet“, kommentierte das Nachrichtenportal „Daily Maverick“.

In der liberalen Democratic Alliance (DA), dem wichtigsten Koalitionspartner des ANC in Südafrikas Regierung, wird die ANC-Position kritisiert. Der Iran sei ein Schurkenstaat, der „weltweit Gesellschaften gespalten und destabilisiert hat“, sagte ein DA-Sprecher nach dem Angriff. Das dortige Regime sei „eine der größten Bedrohungen für die internationale regelbasierte Ordnung und für freie Gesellschaften wie die unsere“. Im Sinne der Koalitionsvereinbarung plädierte er für Neutralität in dem Krieg.

Die linksradikale Oppositionspartei „Economic Freedom Fighters“ (EFF), deren Pöbeleien gegen die weiße Minderheit schon mehrfach US-Präsident Donald Trump erzürnt hatten, positionierte sich dagegen noch klarer gegen Israel und die USA als der ANC. „Diese Angriffe erfolgen vor dem Hintergrund anhaltender und unmenschlicher Gewaltakte sowie ethnischer Säuberungen in Palästina, die von derselben Allianz verübt werden, die entschlossen ist, israelische Interessen in der gesamten Region durchzusetzen – ungeachtet der menschlichen Kosten”, teilte die Partei mit.

Besonders heikel wirkt die vom ANC geprägte außenpolitische Linie des Landes allerdings auch deshalb, weil Südafrika Anfang des Jahres die iranische Marine zu gemeinsamen Übungen vor der Küste Kapstadts einlud – zusammen mit Kriegsschiffen aus Russland und China. Hinter den Kulissen war die Empörung westlicher Diplomaten groß, was dem pragmatischen Präsidenten Cyril Ramaphosa offenbar zu denken gab. Er versuchte in letzter Minute, den Iran wieder auszuladen. Doch das Verteidigungsministerium setzte sich über diese Anweisung hinweg, und der Iran nahm an der von China koordinierten Übung teil. Wie es dazu kommen konnte, soll nun – wie in Südafrika bei politischen Krisen häufig – eine Untersuchungskommission klären. Erfahrungsgemäß zieht sich ein solches Verfahren lange genug hin, dass die Angelegenheit am Ende unauffällig im Sande verlaufen kann.

Schon im vergangenen Jahr war der südafrikanische Armeechef in Teheran und sprach dort von gemeinsamen Zielen im Einsatz für „unterdrückte Menschen der Welt“. Präsident Cyril Ramaphosa distanzierte sich später vorsichtig von den Aussagen. Beobachter sehen darin ein typisches Muster südafrikanischer Diplomatie: Pretoria versucht, historische Solidarität des ANC mit Staaten wie Iran oder Russland zu pflegen – wohlwissend, dass Südafrikas Wirtschaft ungleich enger mit westlichen Märkten verflochten ist.

Für einige der beteiligten iranischen Kriegsschiffe gehörten die Manöver vor Kapstadt jedenfalls zu ihren letzten Einsätzen. Sie wurden inzwischen im neuen Krieg im Nahen Osten von israelischen und US-Streitkräften versenkt. Christian Putsch

Brasilien: Den Krieg spüren Brasilianer im Portemonnaie 

Selbst in einem Land mit einer nur kleinen und unauffälligen muslimischen Gemeinschaft zieht der von den USA und Israel angezettelte Krieg gegen den Iran die Aufmerksamkeit der Brasilianer auf sich. Vor allem sind sie besorgt, wie er sich auf die ohnehin schon hohen Lebenshaltungskosten auswirken könnte: Die Ölpreise steigen, Diesel wird teurer, der Dollar schießt in die Höhe und die Inflation wird wieder zu einer realen Bedrohung. Der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat als Reaktion auf die steigenden Ölpreise in einer am 12. März angekündigten Notmaßnahme die Steuern auf Dieselkraftstoff abgeschafft. Schließlich ist das der Hauptkraftstoff von Lastwagen, die das Land über das vor allem aus Straßen bestehende Logistiknetz mit allen Arten Gütern versorgen. „Wir werden wirtschaftspolitische Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass die Auswirkungen unverantwortlicher Kriege die Bevölkerung treffen“, erklärte Lula gegenüber Journalisten. 

Trotz dieser deutlichen Aussage reagierte die brasilianische Regierung auf den Angriffskrieg mit der klassischen Sprache der Diplomatie: Der Außenminister verurteilte die Angriffe, sprach von einer „gefährlichen Eskalation“, forderte den Schutz der Zivilbevölkerung und rief zur Wiederaufnahme der Verhandlungen auf. In der Form war das die neutrale und versöhnliche Haltung, die Brasilien immer einnimmt und die sich am Multilateralismus, der Verteidigung der Souveränität, der Ablehnung von Interventionen und dem Streben nach friedlicher Konfliktvermittlung orientiert. Inhaltlich war es dennoch die Botschaft, dass Brasilien einseitige militärische Aktionen im Nahen Osten nicht gutheißt. 

Ein Problem ist, dass die Regierung bis zu einem gewissen Grad gleichzeitig gute Beziehungen zu Washington – von dem sie in Bezug auf internationalen Handel und Zölle abhängig ist – und zu Teheran aufrechterhalten muss, das seit Januar 2024 ein BRICS-Partner ist. In diesem Schachspiel versucht Präsident Lula, das Image eines Verfechters des Multilateralismus zu wahren, ohne die Brücken zu einer der beiden Seiten abzubrechen.

Zeitungen und Fernsehsender beschreiben den Krieg als einen Versuch, das Machtgleichgewicht im Nahen Osten neu zu definieren. Er habe das Potenzial, die Weltwirtschaft massiv zu stören und die Lebensmittelpreise zu beeinflussen. Das Thema wird auch zur Munition in innenpolitischen Machtspielen: Einige politische Analysten werfen Lula vor, sich zu sehr auf die Seite Teherans zu stellen, während andere den „Imperialismus“ Washingtons und Tel Avivs anprangern.

Von letzterem überzeugt, entrollte eine Gruppe von Mitgliedern linker Parteien und Volksbewegungen am 2. März vor dem Nationalkongress in Brasília ein 30 Meter langes Transparent mit der Aufschrift: „Volle Unterstützung für den Iran“. Die Veranstaltung zog zwar keine Demonstranten auf die Straße, doch es wurden dort auch Flaggen gehisst von Palästina und Brasiliens Nachbarland Venezuela, dessen Präsident Nicolás Maduro im Januar von den USA gewaltsam abgesetzt wurde. Das wiederum ließ alte Ängste vor einer Einmischung der USA in die nationale Politik aufleben. 

Doch für die brasilianische Bevölkerung ist dies keine direkte Sorge. Der Iran-Krieg konkurriert um Aufmerksamkeit mit nationalen Nachrichten und der Nähe der Wahlen im Oktober, bei denen die Brasilianer ihren Präsidenten wählen werden. Ein großer Teil der Bevölkerung beteiligt sich nur an der Diskussion, wenn er die direkten Auswirkungen auf den Geldbeutel spürt – weit mehr als durch ideologische Ausrichtungen in Bezug auf Washington, Teheran oder Tel Aviv. Sarah Fernandes

Nigeria: Der Iran-Krieg spaltet die Religiösen

Die Bombardements der USA und Israels gegen den Iran haben die Nigerianer entlang religiöser Linien polarisiert. In Nigeria, einem Land mit etwa 220 Millionen Einwohnern, leben fast gleich viele Christen wie Muslime. Da islamistische bewaffnete Gruppen wie Boko Haram einen gewaltsamen Feldzug für eine islamische Herrschaft führen, unterstützen einige nigerianische Christen den Krieg gegen den Iran – ein Land, das sie als Förderer des Terrorismus betrachten.

Andererseits sehen einige nigerianische Muslime das Bombardement des Iran als Krieg gegen die muslimische Welt an. Der führende islamische Geistliche Ahmad Gumi sprach einigen nigerianischen Muslimen aus der Seele, als er den geistlichen Führer des Iran, Ayatollah Ali Hosseini Khamenei, als einen Mann beschrieb, der während seines „Dschihad gegen die Mörder unschuldiger Kinder und Frauen in Gaza und anderswo“ gestorben sei. 

Muslime haben in mehreren nigerianischen Städten Demonstrationen abgehalten, um gegen die Bombardierung des Iran zu protestieren. Die Demonstrationen wurden hauptsächlich von der Islamischen Bewegung Nigerias organisiert, einer pro-iranischen schiitischen Organisation, die sich für einen islamischen Staat nach iranischem Vorbild in Nigeria einsetzt. Als Reaktion auf die Proteste hat die US-Regierung mehrere Warnungen an US-Bürger herausgegeben, in denen sie auf die Gefahr von Vergeltungsangriffen in Nigeria im Zusammenhang mit dem Krieg gegen den Iran hinweist. 

Die nigerianische Regierung forderte in ihrer ersten Reaktion auf den Krieg die Achtung der Souveränität und der territorialen Integrität sowie die friedliche Beilegung von Streitigkeiten unter strikter Einhaltung der Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen und der Genfer Konvention.

Am stärksten spüren die Nigerianer die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten in der Wirtschaft des Landes. Durch die Sperrung der Straße von Hormus sind die die Kraftstoffkosten in Nigeria um etwa 50 Prozent gestiegen, was zu einem starken Anstieg der Transportkosten geführt hat. Hinzu kommt die Inflation, die höhere Lebensmittelpreise und Lebenshaltungskosten zur Folge hat. 

Die wirtschaftliche Not ist so groß, dass die größte Gewerkschaft, der Nigeria Labour Congress, Sonderzulagen für Arbeitnehmer gefordert hat, um die Situation zu bewältigen. Sollte die wirtschaftliche Not nicht bald ein Ende finden, besteht die Gefahr von Unruhen im Land, da sich die Lage für viele schutzbedürftige Nigerianer weiter verschlechtert – in einem Land, in dem die Bedingungen bereits vor Ausbruch des Krieges hart waren. Sam Olukoya

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