Demokratie und Autokratie

In vielen Ländern des globalen Südens herrschen autokratische Regime, die Meinungs-, die Versammlungsfreiheit und andere Menschenrechte unterdrücken sowie freie Wahlen verhindern. Doch auch im globalen Norden geraten die Demokratien durch Populisten und rechtsgerichtete Parteien immer stärker unter Druck. 

Aktuell zum Thema

Was tut sich in... Indien?
Mit Kakerlaken und Parasiten hat Indiens Oberster Richter Surya Kant kürzlich arbeitslose junge Regierungskritiker verglichen. Diese mobilisieren nun aufgrund der Schmähung eine große satirische Protestbewegung.
Viele Errungenschaften, etwa zu Gleichberechtigung und Vielfalt, werden gerade infrage gestellt oder zurückgedreht. Der Sozialwissenschaftler Jerker Edström erklärt, warum Populisten und Rechtsextreme Minderheiten dämonisieren und damit Massen manipulieren wollen.

weitere Artikel zum Thema

Mehrere Männer stehen an der Rehling eines Schiffes. In der Mitte steht Flavio Bolsonaro mit gelben T-Shirt und Jeans. Er hält ein Bild von seinem Vater als Präsident hoch.
Wahl in Brasilien
Er fordert Brasiliens Staatsoberhaupt Lula heraus: Flávio Bolsonaro, Sohn des ultrarechten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, greift nach dem Amt an der Staatsspitze. Doch seine Beziehung zu einem umstrittenen Banker könnte zum Problem werden.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Syriens Präsident  Ahmad al-Sharaa (rechts) schütteln Hände.
Schweizer Außenpolitik in Syrien
Seit dem Sturz des Assad-Regimes versuchen zahlreiche Länder, ihre Beziehungen mit Syrien neu aufzustellen – auch die Schweiz. Ende Juli hat das Außenministerium das humanitäre Büro, das die Schweiz seit 2017 in Damaskus betreibt, zu einem Kooperationsbüro aufgewertet.
Herausgeberkolumne
Demokratie braucht eine lebendige Zivil­gesellschaft. Globales Lernen trägt dazu bei und stärkt nicht nur Kinderrechte, meint Katrin Weidemann, Vorsitzende der Kindernothilfe.

Gut zu wissen

Demokratiequalität
Woran misst man Demokratien?
Demokratie bedeutet wörtlich „Herrschaft des Volkes“. Hingegen bedeutet Autokratie „Selbstherrschaft“, also die Herrschaft einer einzelnen Person oder einer eng begrenzten Gruppe, die unkontrolliert über die Staatsgewalt verfügt. In der Praxis gibt es zwischen beiden Polen jedoch zahlreiche Abstufungen.

 

Eine ideale Demokratie ist im Gegensatz zur Autokratie an vier Merkmalen zu erkennen. Erstes Merkmal einer Demokratie ist, dass die Regierung aus fairen und freien Wahlen hervorgeht – sei es direkt durch die Wahl des Präsidenten wie in Frankreich oder indirekt über Parlamentswahlen wie in Deutschland. Zu den Wahlen dürfen sich mehrere Kandidaten gleichberechtigt präsentieren und alle wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger dürfen wählen. Zweitens herrscht Gewaltenteilung: die Exekutive (die Regierung als ausführende Gewalt), die Legislative (das Parlament als Gesetzgeber) und die Judikative (die Gerichte als rechtssprechende Gewalt) sind voneinander getrennt. Das heißt ein (vom Volk gewähltes) Parlament und Gerichte kontrollieren unabhängig die Regierung und ihre Organe, etwa die Polizei; das Parlament beschließt Gesetze und die Gerichte prüfen, ob sie eingehalten werden – auch von der Regierung. Ein drittes Merkmal von Demokratien ist das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit und ein viertes die Gewährleistung der bürgerlichen und politischen Grundrechte, zum Beispiel Pressefreiheit und dass Menschen frei und ohne Gefährdung von Leib und Leben ihre Meinung äußern, sich versammeln und sich zusammenschließen dürfen.

In Autokratien sind Wahlen, die Gewaltenteilung, die Rechtsstaatlichkeit und die Grundrechte ganz oder teilweise eingeschränkt. Es werden zum Beispiel keine Kandidaten der Opposition zu Wahlen zugelassen, die Meinungsfreiheit ist eingeschränkt oder Gerichte urteilen nicht unabhängig. Doch zwischen Demokratie und Autokratie gibt es Abstufungen: In liberalen Demokratien sind die vier Merkmale alle erfüllt; in sogenannten elektoralen Demokratien gibt es zwar freie Wahlen, aber es ist zum Beispiel die Meinungsfreiheit eingeschränkt oder Kontrollinstanzen funktionieren nicht, wie sie sollen. Für viele Fachleute ist die Grenze zur Autokratie überschritten, wenn die Einschränkungen so weit gehen, dass es praktisch nicht mehr möglich ist, die Regierung abzuwählen.

Der Transformationsindex der Bertelsmann-Stiftungder 2024 die Demokratiequalität in 137 Entwicklungs- und Schwellenländern gemessen hat, kommt zu dem Schluss, dass in den vergangenen 20 Jahren die Zahl autokratischer Regime zugenommen hat. Heute stehen nur noch 63 Demokratien einer Mehrheit von 74 Autokratien gegenüber. Gleichzeitig habe ich auch die Qualität vieler Demokratien insgesamt verschlechtert. Um der Erosion der Demokratie entgegenzuwirken, brauche es Kontrollinstanzen wie Parlament, Justiz und Medien, aber auch eine starke Zivilgesellschaft. Wahlentscheidungen hätten aber in Polen, in Brasilien oder Guatemala die autokratischen Tendenzen vorerst gestoppt. 

Hintergrund

Dass Protestbewegungen oft in Form weltweiter „Wellen“ auftreten, ist kein Zufall: Protestierende reagieren von jeher auf Entwicklungen in anderen Staaten – heute weniger organisiert als früher. 

Infografik

Infografik Weltkarte, die zeigt, welche Länder eine Autokratie und welche eine Demokratie haben

Das empfiehlt die Redaktion

Kambodscha ist seit 1993 abwechselnd von westlichen Demokratien und von autoritären Regimen wie China oder Russland gefördert worden. Das hat sich auf die Demo­kratisierung des Landes und den Rückschritt Richtung autoritäre Herrschaft ausgewirkt. 
In Bangladesch hat die Partei der Studenten, die zum Sturz der alten Staatschefin beigetragen haben, in der jüngsten Parlamentswahl nur wenige Sitze gewonnen. Damit fehlt eine nennenswerte Opposition, findet das Giga-Institut. 
In vielen Ländern haben zuletzt vorwiegend junge Menschen gegen autokratische Regime protestiert – meist ohne zentrale Führung. Das hat Vor- und Nachteile, so eine neue Studie.

Tipp

Fawaz Gerges beschreibt in seinem Buch „The Great Betrayal“ die Geschicke des Nahen Ostens vom Ende des Osmanischen Reiches 1919 bis heute. Dabei geht er vor allem der Frage nach, warum sich in der Region weder Demokratie noch Wohlstand etablieren konnten.
Der Publizist Manfred Loimeier entfaltet in seinem Essayband „Die andere Seite der Geschichte“ ein facettenreiches Literaturpanorama aus der Karibik und aus Afrika. Dabei zeigt er, wie die dortige Literatur nicht nur das koloniale Erbe thematisiert, sondern auch heutigen Autokraten einen Spiegel vorhält.
Titelbild ... wenn man trotzdem lacht
Komik ist subversiv, das wusste schon George Orwell - aber das stimmt nicht immer. In Südafrika stichelt der Karikaturist Zapiro gegen die Mächtigen, in Bangladesch hingegen nutzen islamische Hardliner Humor als Waffe. In São Paulo in Brasilien helfen Clowns Drogenabhängigen, in Nepal gedenken die Menschen am Gai Jatra-Fest lachend ihrer Toten. Und unsere Korrespondenten aus aller Welt erzählen ihre Lieblingswitze.
„welt-sichten“ per E-Mail
Unsere drei verschiedenen Newsletter informieren jeweils über Neues bei „welt-sichten“, über die aktuellste Ausgabe oder liefern zusätzlich zahlreiche Lesetipps und Studien zu globaler Entwicklung. Sie haben die Wahl!

weitere Themen

Kriege und Bürgerkriege sind Hauptgründe für Hungersnöte, Elend und Flucht. Streit zwischen Großmächten begünstigt sie nun wieder, so in Mali, Jemen, Myanmar und Sudan und in der ganzen Region Nahost. Was treibt Kriege an, wie überstehen Menschen sie, wo und wie konnte man sie beilegen?

Eine gerechtere und friedlichere Welt ist möglich – und die Entwicklungspolitik soll dazu beitragen. Noch dominieren westliche Geberländer das Feld, doch große Schwellenländer wie Brasilien, China und Indien engagieren sich zunehmend in der Süd-Süd-Kooperation. Die Ziele von Entwicklungspolitik ändern sich, seit es sie gibt. Und immer ist sie dem Risiko ausgesetzt, für andere politische Zwecke instrumentalisiert zu werden.

Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!
„welt-sichten“ schaut auf vernachlässigte Themen und bringt Sichtweisen aus dem globalen Süden. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Warum denn das?
Ja, „welt-sichten“ ist mir etwas wert! Ich unterstütze es mit
Schon 3 Euro im Monat helfen
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!