Demokratie und Autokratie

In vielen Ländern des globalen Südens herrschen autokratische Regime, die Meinungs-, die Versammlungsfreiheit und andere Menschenrechte unterdrücken sowie freie Wahlen verhindern. Doch auch im globalen Norden geraten die Demokratien durch Populisten und rechtsgerichtete Parteien immer stärker unter Druck. 

Aktuell zum Thema

Tansania
In Tansania hat die Regierung unter Präsidentin Samia Hassan die Proteste nach den Präsidentenwahlen im Oktober brutal niedergeschlagen; es gab wohl mehr als 1000 Tote. Der Politikwissenschaftler Thabit Jacob gibt einen Eindruck von der aktuellen Lage im Land.
Viele Errungenschaften, etwa zu Gleichberechtigung und Vielfalt, werden gerade infrage gestellt oder zurückgedreht. Der Sozialwissenschaftler Jerker Edström erklärt, warum Populisten und Rechtsextreme Minderheiten dämonisieren und damit Massen manipulieren wollen.

weitere Artikel zum Thema

Jubelnde Männer, inder Mitte zwei mit schwarzer Jacke und weißem Schal, einer mit Trommel und Sonnenbrille.
Wahlen in Nepal
Ein Vorbild für die Gen-Z-Proteste, die 2025 mehrere Regierungen zu Fall brachten, kam damals aus Nepal. Dort finden jetzt die versprochenen Neuwahlen statt und können neue, jüngere Gesichter an die Macht bringen.
Zwei uniformierte Männer und eine Frau in Uniform vor dem monumentalen, grün-orangenen Tor des Ikoy Gefängnisses in Lagos; die vergitterten Fenster rechts und links des Eingangs haben grüne Fensterläden.
Was tut sich in ... Nigeria?
Mit seiner Begnadigung von 175 verurteilten Straftätern hat der nigerianische Präsident Bola Tinubu im Land für Empörung gesorgt. Schließlich nahm er die Amnestie teilweise zurück.
Indien
Im indischen Bundesstaat Manipur halten die Spannungen zwischen ethnischen Gruppen unterschiedlicher Religionen an. Der neue Regierungschef versucht die Lage zu beruhigen, doch die Minderheitsgruppe vertraut ihm offenbar noch nicht.

Gut zu wissen

Demokratiequalität
Woran misst man Demokratien?
Demokratie bedeutet wörtlich „Herrschaft des Volkes“. Hingegen bedeutet Autokratie „Selbstherrschaft“, also die Herrschaft einer einzelnen Person oder einer eng begrenzten Gruppe, die unkontrolliert über die Staatsgewalt verfügt. In der Praxis gibt es zwischen beiden Polen jedoch zahlreiche Abstufungen.

 

Eine ideale Demokratie ist im Gegensatz zur Autokratie an vier Merkmalen zu erkennen. Erstes Merkmal einer Demokratie ist, dass die Regierung aus fairen und freien Wahlen hervorgeht – sei es direkt durch die Wahl des Präsidenten wie in Frankreich oder indirekt über Parlamentswahlen wie in Deutschland. Zu den Wahlen dürfen sich mehrere Kandidaten gleichberechtigt präsentieren und alle wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger dürfen wählen. Zweitens herrscht Gewaltenteilung: die Exekutive (die Regierung als ausführende Gewalt), die Legislative (das Parlament als Gesetzgeber) und die Judikative (die Gerichte als rechtssprechende Gewalt) sind voneinander getrennt. Das heißt ein (vom Volk gewähltes) Parlament und Gerichte kontrollieren unabhängig die Regierung und ihre Organe, etwa die Polizei; das Parlament beschließt Gesetze und die Gerichte prüfen, ob sie eingehalten werden – auch von der Regierung. Ein drittes Merkmal von Demokratien ist das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit und ein viertes die Gewährleistung der bürgerlichen und politischen Grundrechte, zum Beispiel Pressefreiheit und dass Menschen frei und ohne Gefährdung von Leib und Leben ihre Meinung äußern, sich versammeln und sich zusammenschließen dürfen.

In Autokratien sind Wahlen, die Gewaltenteilung, die Rechtsstaatlichkeit und die Grundrechte ganz oder teilweise eingeschränkt. Es werden zum Beispiel keine Kandidaten der Opposition zu Wahlen zugelassen, die Meinungsfreiheit ist eingeschränkt oder Gerichte urteilen nicht unabhängig. Doch zwischen Demokratie und Autokratie gibt es Abstufungen: In liberalen Demokratien sind die vier Merkmale alle erfüllt; in sogenannten elektoralen Demokratien gibt es zwar freie Wahlen, aber es ist zum Beispiel die Meinungsfreiheit eingeschränkt oder Kontrollinstanzen funktionieren nicht, wie sie sollen. Für viele Fachleute ist die Grenze zur Autokratie überschritten, wenn die Einschränkungen so weit gehen, dass es praktisch nicht mehr möglich ist, die Regierung abzuwählen.

Der Transformationsindex der Bertelsmann-Stiftungder 2024 die Demokratiequalität in 137 Entwicklungs- und Schwellenländern gemessen hat, kommt zu dem Schluss, dass in den vergangenen 20 Jahren die Zahl autokratischer Regime zugenommen hat. Heute stehen nur noch 63 Demokratien einer Mehrheit von 74 Autokratien gegenüber. Gleichzeitig habe ich auch die Qualität vieler Demokratien insgesamt verschlechtert. Um der Erosion der Demokratie entgegenzuwirken, brauche es Kontrollinstanzen wie Parlament, Justiz und Medien, aber auch eine starke Zivilgesellschaft. Wahlentscheidungen hätten aber in Polen, in Brasilien oder Guatemala die autokratischen Tendenzen vorerst gestoppt. 

Hintergrund

Dass Protestbewegungen oft in Form weltweiter „Wellen“ auftreten, ist kein Zufall: Protestierende reagieren von jeher auf Entwicklungen in anderen Staaten – heute weniger organisiert als früher. 

Infografik

Infografik Weltkarte, die zeigt, welche Länder eine Autokratie und welche eine Demokratie haben

Das empfiehlt die Redaktion

Kambodscha ist seit 1993 abwechselnd von westlichen Demokratien und von autoritären Regimen wie China oder Russland gefördert worden. Das hat sich auf die Demo­kratisierung des Landes und den Rückschritt Richtung autoritäre Herrschaft ausgewirkt. 
In vielen Ländern haben zuletzt vorwiegend junge Menschen gegen autokratische Regime protestiert – meist ohne zentrale Führung. Das hat Vor- und Nachteile, so eine neue Studie.
Auch wenn die Autokratie weltweit auf dem Vormarsch scheint: Eine Reihe von Ländern hat sich in den vergangenen zehn Jahren re-demokratisiert, vor allem in Asien, zeigt eine neue Studie.

Tipp

Der mexikanische Aktivist Saúl Alvídrez hat den US-Publizisten Noam Chomsky mit dem ehemaligen, im Mai verstorbenen Staatspräsidenten Uruguays, José (Pepe) Mujica, zusammengebracht. Herausgekommen sind bemerkenswerte gesellschaftspolitische Visionen und persönliche Erkenntnisse.
30 Jahre nach dem Amtsantritt Nelson Mandelas als Präsident Südafrikas zieht dieses Buch eine Bilanz der politischen Veränderungen, blendet dabei allerdings heikle Fragen weitgehend aus.
Titelbild Ab in die Schule
Bildung ist ein Menschenrecht, doch nicht überall auf der Welt können alle Kinder und Jugendlichen zur Schule gehen. Dabei trägt Bildung stark zur Entwicklung eines Landes bei. Wie wird das gemessen? Wie finden in Nordnigeria und im Jemen trotz Kämpfen und Krieg Unterricht statt? Und welche Rolle spielen islamische Internate in Indonesien?
„welt-sichten“ per E-Mail
Unsere drei verschiedenen Newsletter informieren jeweils über Neues bei „welt-sichten“, über die aktuellste Ausgabe oder liefern zusätzlich zahlreiche Lesetipps und Studien zu globaler Entwicklung. Sie haben die Wahl!

weitere Themen

Kriege und Bürgerkriege sind Hauptgründe für Hungersnöte, Elend und Flucht. Streit zwischen Großmächten begünstigt sie nun wieder, so in Mali, Jemen, Myanmar und Sudan und in der ganzen Region Nahost. Was treibt Kriege an, wie überstehen Menschen sie, wo und wie konnte man sie beilegen?

Eine gerechtere und friedlichere Welt ist möglich – und die Entwicklungspolitik soll dazu beitragen. Noch dominieren westliche Geberländer das Feld, doch große Schwellenländer wie Brasilien, China und Indien engagieren sich zunehmend in der Süd-Süd-Kooperation. Die Ziele von Entwicklungspolitik ändern sich, seit es sie gibt. Und immer ist sie dem Risiko ausgesetzt, für andere politische Zwecke instrumentalisiert zu werden.

Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!
„welt-sichten“ schaut auf vernachlässigte Themen und bringt Sichtweisen aus dem globalen Süden. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Warum denn das?
Ja, „welt-sichten“ ist mir etwas wert! Ich unterstütze es mit
Schon 3 Euro im Monat helfen
Unterstützen Sie unseren anderen Blick auf die Welt!